In Gordes, Oktober 2021

 

Wenn es ein provenzalisches Bilderbuchdorf gibt, dann ist es Gordes. Quadratische, alte Häuser, eng an eng, Terrassen, dicke Mauern und mittendrin die Burg. Das Dorf schmiegt sich auf eine Felskuppe am Randes des Vaucluse. Von dort hat man einen weiten Blick über das Land, über Felder, Wiesen, Täler und Dörfer und auf das Luberon-Gebirge auf der anderen Talseite. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es hier nicht immer so malerisch und beschaulich zuging. Dass das mittelalterliche Dorf heute zu den schönsten und beliebtesten in ganz Frankreich gehört, hat auch mit vielen Künstlern zu tun. Allen voran vielleicht mit Victor Vasarely, der auch in Gordes lebte und arbeitete. Viele seiner Werke sind derzeit noch im Schloss zu besichtigen.

 

Paris, Ende September 2021

 

Wenn es derzeit einen Hotspot der Kunst gibt, dann liegt er mitten in Paris. Am Place de Charles-de-Gaulle, denn dort steht ein Wahrzeichen der Hauptstadt, der Arc de Triomphe. Irgendwo ganz in der Nähe hat Anfang der 60er Jahre der Künstler Christo gelebt, in einem winzigen Dienstmädchenzimmer unter dem Dach, so erzählte er es kurz vor seinem Tod. Von seinem Mansardenfenster aus blickte er auf das Bauwerk, war begeistert davon und hatte die Idee, es eines Tages zu verpacken. Nun hat sich dieser Lebenstraum erfüllt, der Triumphbogen ist verhüllt, auch wenn Christo und seine Ehefrau Jeanne-Claude es nicht mehr miterlebten.

 

Mittelalterfest in Avignon, September 2021

 

Es gibt Orte, an denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Avignon ist so ein Ort. Klotzige Mauern mit Zinnen umschließen die historische Altstadt mit vielen engen Gassen zwischen mittelalterlichen Gemäuern, Palästen, Kirchen und Kapellen. Überragt wird alles von dem wuchtigen Papstpalast, dem größten, gotischen Bauwerk Europas, in dem im 14. Jahrhundert die Päpste residierten. Man wähnt sich in längst vergangenen Zeiten. Erst recht, wenn mittelalterliche Lautenklänge erklingen und Rittersleute sich im Duell messen. Dann findet sich der Avignon-Besucher beim Mittelalterfest auf dem Place des Carmes wieder.

Karaoke in Velorgues, August 2021

Velorgues ist das, was man im Französischen einen hameau nennt – ein Weiler. Ein paar Häuser, der Bäcker, die Autowerkstatt, eine Grundschule. Und das L’Anchois: Bar, Tabac und Restaurant, wo die Einheimischen Zigaretten kaufen und ihre Lottoscheine abgeben, einige Ältere schon morgens Karten spielen und die Landarbeiter abends zum Lärm des übergroßen Fernsehers, der den ganzen Tag über läuft, ihr Feierabendpastis trinken. Touristen verirren sich kaum dorthin, wenn mittags ein Essen serviert wird. Und die Einheimischen bleiben auch eher unter sich, wenn an den Wochenenden abends die Tische unter dem Terrassendach eingedeckt werden und der große Holzkohlegrill angezündet wird. Dann ist Grill-Zeit. Dazu wird an manchen Abenden noch etwas Besonderes serviert: Dann ist Karaoke angesagt.

 

Maubec, Juli 2021

 

Auf meiner „Was-ich-unbedingt-irgendwann-noch-lesen-möchte“-Liste steht ein Buch von Robert Louis Stevenson. Bevor er mit seiner „Schatzinsel“ bekannt wurde, unternahm er 1878 eine zwölftägige Wanderung durch die französischen Cevennen. Nicht alleine, sondern in Begleitung einer Eselin. „Reise mit einem Esel durch die Cevennen“ heißt der schlichte Titel seines Reisebuchs. Mit einem Esel wandern? Das ist mittlerweile schwer angesagt in alternativen Reiseführern. Und, um ehrlich zu sein: Eine Eselwanderung steht bei mir schon lange auf meiner To-Do-Liste. Es müssen ja nicht gleich zwölf Tage sein. Und nicht die Cevennen. Auf einer provenzalischen Eselfarm gleich in der Nachbarschaft kann man Esel schon für einen halben Tag mieten. Zum Probewandern sozusagen.

 

In Oppède-le-Vieux, Juni 2021

 

Manche Orte besitzen eine besondere Magie. In ihnen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Das heißt nicht, dass sie tot sind. Oppède-le-Vieux ist so ein Ort: Das alte Dorf – „le vieux“ - wurde im vergangenen Jahrhundert von seinen Bewohnern aufgegeben und dem Verfall überlassen. Und doch ist es heute wieder sehr lebendig! Auf dem Parkplatz unterhalb des Dorfes gibt es im Sommer kaum einen freien Platz, die Menschen drängen sich durch die engen, ausgetretenen Gassen, wo die Rosen über alten Mauern ranken. In die kleine Rue du Portalet, die etwas abseits liegt, verirrt sich dennoch kaum jemand. Dabei birgt Oppède gerade dort ein magisches Geheimnis!

 

Die Eisheiligen in der Provence, Mai 2021

 

Bauernregeln scheinen universell zu sein. Und so verbinden auch die Provenzalen mit den Gedenktagen der christlichen Heiligen zwischen dem 11. und 15. Mai die Erfahrung aus vielen Jahrhunderten bäuerlicher Tätigkeit, dass es noch mal frostig kalt werden kann. Pankratius, Servatius, Bonifatius und die „Kalte Sophie“ werden deshalb von Bauern und Gärtner als Eisheilige eher gefürchtet als verehrt. „Wenn’s an Pankratius gefriert, so wird im Garten viel ruiniert“, heißt eine dieser Bauernregeln. Aber in diesem Jahr ist das Unglück schon vor den Eisheiligen passiert.

 

In den Antiquitätengeschäften von L'Isle sur la Sorgue, April 2021

 

Ist das noch was wert, oder kann das weg? Das ist in L’Isle sur la Sorgue die entscheidende Frage. Wohl nirgendwo sonst in Frankreich bekommen die Dinge des Lebens so oft eine zweite Chance wie hier. Denn L’Isle ist „die“ Stadt für Antiquitäten. Schon seit 1920 treffen sich Trödelfreunde aus aller Welt in dem kleinen Ort nahe Avignon. Zweimal im Jahr, zu Ostern und im Herbst, findet dort der nach Paris größte Trödel- und Antiquitätenmarkt des Landes statt. Dann verwandelt sich für ein paar Tage die ganze Stadt in einen riesigen Kunstmarkt unter freiem Himmel. Über 500 Händlern aus dem ganzen Land und Tausende von Besuchern – schon zum zweiten Mal fällt wegen Corona dieses Großereignis aus. Die Antiquitäten-Promenade, zu der die örtlichen Händler zu Ostern organisiert haben, ist da kein Ersatz, aber eine willkommene Einladung, mal wieder eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen.

 

Unterwegs im Luberon, März 2021

 

Buoux – das ist eines dieser französischen Wörter, bei denen ich nicht wirklich weiß, wie man es ausspricht. Und jeder, den ich frage, sagt es anders. Die Varianten reichen von „Büus“ über „Büu“ bis „Buks“ – die Provenzalen sind mit ihrer Aussprache schon sehr eigen. Egal – nach Buoux hat es uns an einem schönen klaren Frühlingsmorgen verschlagen. Ein kleiner Ort, ein Bergdorf im Luberon - ach was: ein Weiler, wie der Reiseführer so schon schreibt. Ein paar Häuser nur an zwei schmalen Gassen, die sich kreuzen. Wir wären fast dran vorbeigefahren. Aber Buoux ist ein alter Ort mit viel Geschichte – und mit viel Natur.

 

Ein Krippenbesuch, 17. Februar 2021

 

Die Vögel zwitschern wie verrückt. Die Hyazinthen und Tulpen schieben sich aus dem Boden, und die Mittagssonne wärmt schon wie zu Ostern. Wer denkt jetzt noch an Weihnachten? Heiligabend liegt gefühlt schon Monate zurück. Aber es gibt noch Orte, an denen Weihnachten ganz präsent ist. Bei Monique zum Beispiel, einer Französin im Ort: Sie empfängt noch Tag für Tag Gäste, um ihre Weihnachtskrippe zu präsentieren. Und weil so viele Freunde und Bekannte aus Nordfrankreich und wer weiß woher in Coronazeiten noch nicht da waren und ihr Kommen erst in den nächsten Wochen angekündigt haben, steht die Krippe dort noch bis zum 6. März.

 

2. Februar, Mariä Lichtfest

 

Wenn man wollte, könnte man jeden Tag einem bestimmten Anliegen widmen. Der 2. Februar zum Beispiel ist von der UNESCO zum Tag der Feuchtgebiet erklärt worden. Seit 2011 steht er als internationaler Spiel-Deine-Ukulele-Tag auf der Agenda. In Deutschland haben ihn Hörer eines WDR-Radiosenders 2017 zum Tag des arbeitslosen Duftbaumes ausgerufen. In den USA ist Murmeltiertag, wie auch Nicht-Amerikaner seit dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ wissen. Und in Frankreich ist der 2. Februar der Tag der Crêpes. Und den haben wir tatsächlich gestern gefeiert.

 

Ein Ausflug nach Saint-Rémy, Januar 2021

 

Der nächste Corona-Lockdown steht offensichtlich vor der Tür. In Frankreich wird noch heftig über die künftigen Maßnahmen spekuliert. Bis jetzt gilt bei uns die Ausgangssperre ab 18 Uhr, doch die Bewegungsfreiheit wird wohl wieder weiter eingegrenzt werden, darüber sind sich viele einig. Beim Frühstück entschließen wir uns deshalb spontan zu einem Ausflug. Sich einfach noch mal ganz bewusst treiben lassen, entspannt und frei… Wir entscheiden uns für Saint-Rémy-en-Provence. Das kleine provenzalische Städtchen ist nicht nur für seinen wunderschönen Mittwochsmarkt bekannt, sondern vermittelt auf schönste Weise mediterrane Leichtigkeit und das südfranzösische Lebensgefühl.

 

Auf Trüffelsuche, Januar 2021

 

Unser Garten ist längst in den Winterschlaf gefallen. Der Lavendel ist verblüht und heruntergeschnitten. Die Oliven der beiden kleinen Olivenbäumchen sind eingelegt. Im Kräuterbeet vegetieren noch ein paar Büschel Salbei und Thymian vor sich hin. Die Gartenmöbel sind eingewintert, und in den Blumentöpfen hält sich das Heidekraut wacker im kalten Mistral. Aber dieses kleine Stück Erde hält im Winter noch ganz andere Schätze verborgen. Mit Hilfe eines Trüffelhundes sind wir diesen Kostbarkeiten auf die Spur gekommen. Denn gar nicht weit unter der Erdoberfläche verbergen sich in unserem Garten viele „schwarze Diamanten“.

 

Traditionen zum Fest, Dezember 2020

 

Vorgestern kam der Nikolaus. Jedenfalls hat er in unsere Stube hineingeschaut, denn die Stiefel waren am Morgen gefüllt. Er muss einen großen Umweg gemacht haben, denn bei den Nachbarn hat er sich nicht blicken lassen. Sie kennen diesen schönen Brauch zum 6. Dezember gar nicht. Und um einen anständigen Schoko-Nikolaus zu kaufen, mussten wir viele Geschäfte abklappern. In provenzalischen Küchen duftet es auch nicht nach Weihnachtsbäckerei. Stollen, Lebkuchen, Marzipan und Pfeffernüsse, die sich schon im September in deutschen Auslagen stapeln, sind eher unbekannt. Dafür verwandeln sich die Supermärkte ab Oktober in glänzende Schokoladenbasare.

 

L'Isle sur la Sorgue, November 2020

 

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Eigentlich wollten wir gar nichts kaufen, als wir sonntagmorgens über den Markt schlenderten und am Töpferstand stehenblieben. Es waren die Farben, die uns verführten: Tassen und Teller, Krüge und Ölfläschen in glänzenden Provence-Schattierungen, in taubenblau, mintgrün, ockergelb. Farben, die von ihnen heraus leuchteten. Dann entdeckten wir den bauchigen Krug in einem kreischendem Grün mit gelbem Farbstich. Wunderschön! Wir wollten nach dem Preis fragen. Und so fing sie an, eine etwas verrückte Geschichte um einen Krug, der uns noch länger beschäftigen sollte.

 

Auf den Spuren von Albert Camus in Lourmarin, Oktober 2020

 

„Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde.“ Ein Satz, wie er gemeißelt steht für diese Zeit. Aber er ist viel älter, dieser Satz. Albert Camus hat ihn geschrieben, und nicht Corona, sondern die Pest hatte er dabei im Blick. Camus beschreibt einen Pestausbruch und den daraus folgenden Ausnahmezustand in der algerischen Hafenstadt Oran mit all den Erscheinungen, die wir heute aus dem Coronajahr 2020 kennen: Tod und Sterben, Quarantäne, Angst und Ohnmacht, die Suche nach einem Impfstoff, Scharlatane und Solidaritätsappelle, rationale Mediziner und irrationale Propheten. Dabei verstand Albert Camus sein Werk eigentlich als Sinnbild für die „braunen Pest“, die Nazi-Besatzung Frankreichs.

Dennoch: „Die Pest“, 1947 erschienen, war 2020 plötzlich wieder vergriffen. Der Schriftsteller bekam für sein literarisches Werk 1957 den Literaturnobelpreis. Von dem Preisgeld kaufte er sich ein Haus nicht weit entfernt, in Lourmarin. Nur zwei Jahre lebte er dort, er starb 1960 bei einem Autounfall, seither ruht er in der Erde dieses provenzalischen Bergdorfes. Ein Grund, ihn in Lourmarin mal zu besuchen.

 

In der Villa Datris, Oktober 2020

 

Wir sind eine Wegwerfgesellschaft. Müll überzieht die Erde, er wächst zu immer höheren Bergen und verseucht die Meere für ewige Zeiten. Doch was ist Abfall? Was qualifiziert das Material, das es seinen Wert verloren und plötzlich überflüssig ist, abstoßend, ungewünscht? In den Händen von Künstlern kann aus diesem Stoff etwas Neues werden: ein Werkstoff. Ein Werk. Eine politische Aussage nach dem Motto: Sage mir, was du wegwirfst, und ich sage dir, wer du bist. Eine Ausstellung, die viele Gedankenanstöße dazu gibt, war in diesem Jahr in L’Isle sur la Sorgue zu sehen: In der Villa Datris zeigten 89 internationale Künstler, wie aus Abfall Kunst werden kann.

 

Der jüdische Friedhof von L'Isle sur la Sorgue, Oktober 2020

 

Gottesacker. Ja, das ist ein Gottesacker im wahrsten Sinne des Wortes: Grabsteine mitten auf einer Wiese, so scheint es. Eingerahmt von einem Gitter. Ab vom Weg, zwischen Apfelplantagen und Feldern, mit dem Mont Ventoux am Horizont, ganz einsam im Nirgendwo. Dort, unter dem blauen provenzalischen Himmel, haben bis 1939 die Juden von L’Isle sur la Sorgue ihre letzte Ruhe gefunden. Ohne Wegbeschreibung hätten wir den Acker wohl kaum gefunden. Und auch in L’Isle ist der jüdische Friedhof lange Zeit vergessen worden.

 

Zur Blutspende, Oktober 2020

 

Einmal im Monat wird in unserem Städtchen zur Blutspende eingeladen. Die Plakate hängen an Laternen, Kreuzungen und Straßenbäumen. Ich habe nie besonders darauf geachtet. Dann las ich, dass Blutspenden in Corona-Zeiten gerade besonders gefragt seien. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, das Helfen manchmal ganz einfach sein kann. Aber was heißt einfach…

 

Die Weinlese hat begonnen, September 2020

 

Wenn ich an Hamburg denke? Dann sehe ich den Hafen oder den Michel. Ich höre Schiffssirenen. Es duftet zimtig nach frischen Franzbrötchen. Bei ganz viel Heimweh-Blues gehen wir an unseren Vorrat und öffnen ein Glas mit Bismarckhering, dazu gibt es Bratkartoffeln. Das schmeckt irgendwie nach Hamburg. Manchmal trinken wir nach einem guten Essen einen Helbing Kümmel. Ein Labskaus-Fan war ich dagegen nie. Und was gibt es sonst noch für Leckereien, die einen mit der alten Heimat verbinden? Weintrauben jedenfalls nicht. Umso erstaunter stand ich jetzt im Supermarkt vor den großen, dunkelblauen und glänzenden Trauben einer Rebsorte mit dem schönen Namen „Muscat de Hambourg“. Denn für seine Weine ist Hamburg ja nun wahrlich nicht bekannt.

 

In den Calanques bei Cassis, August 2020

 

"La grande bleue", die große Blaue, so nennen die Franzosen das Mittelmeer. Was gibt es Schöneres, als einen heißen Sommertag in der Frische dieses aquamarinen Diamanten zu verbringen? Wenn das glitzernde Dunkelblau des Wassers sich am Horizont mit dem vom Mistral frei gefegten Himmelsblau mischt, dann dehnt sich die Welt zur Unendlichkeit. Am liebsten gehen wir in Cassis an Bord: Denn eine Schiffstour in die Calanques bietet neben dem blauen Wunder noch das Spektakel einer unvergleichlichen Küstenlandschaft.

 

In Lacoste, August 2020

 

Lacoste? Ja, das ist das Krokodil auf dem Poloshirt. Wer Lacoste ins Navi eingibt, landet im nächstgelegenen Sportgeschäft. Aber Lacoste ist nicht nur eine französische Modemarke, sondern ebenso ein Dorf in der Provence. Ein typisches, schönes, aber auch eigenwilliges kleines Dorf auf einem Berghang des Luberon-Gebirges mit einem Café am Dorfeingang, einer alten Kirche, einem verfallenen Schloss und einem wunderschönen Blick über das weite Tal. Und Lacoste ist mittlerweile mit dem Namen eines anderen bekannten französischen Modeschöpfers verknüpft: mit Pierre Cardin. Dem gehört nämlicher schon ein Drittel des Ortes.

 

Rätselhafter Besuch im Garten, August 2020

 

Unser Garten ist für uns immer noch ein unbekanntes Terrain. Eines Morgens fand ich merkwürdige gelbe Krümel auf dem Rasen. Die Substanz erinnerte an gebackene Baiser. Was konnte das sein? Tierkotze, um es unverblümt zu sagen? Es hätte auch eine unappetitliche, schon stark verweste Hinterlassenschaft sein können. Im Zweifel wäre dafür unser Hund in Frage gekommen, aber für gewöhnlich verzieht er sich bei einem solchen Bedürfnis in die hinterste Ecke der Büsche. Ich räumte das seltsame Gebilde weg. Und wunderte mich, dass wenige Tage später an der gleichen Stelle wieder gelbe Kleckse im Gras erschienen. Ein Pilz? Und wenn ja, was für einer? Für solche Fälle ist ja doch das Internet gut. Die Suchanfrage „komischer Pilz im Garten“ brachte erstaunliche Ergebnisse.

 

Das Schloss von Thouzon in Le Thor, Juli 2020

 

Wenn die Sonne nur noch erbarmungslos am wolkenlosen Provencehimmel strahlt, dann sollte man tunlichst das tun, wozu Menschen im Süden dann raten: Siesta halten. Keine gute Idee sind lange Spaziergänge in der Hitze. Wir wollten dennoch endlich mal zum Schloss von Thouzon in Le Thor und waren gerade in der Nähe. Und der Hügel, auf dem die mittelalterliche Ruine thront, ist nicht sehr hoch. Doch es war Mittagszeit. Und so kamen wir auf dem steinigen Weg hinauf durch einen Steineichenwald und Buschland ganz schön ins Schwitzen.

 

Sommerzeit ist Zikadenzeit, Juli 2020

 

Wenn die Provence eine Farbe hat, dann ist es natürlich lavendellila. Einen Duft? Lavendel, Thymian und Rosmarin! Und ein Geräusch? Keine Frage – es ist der Gesang der Zikaden – „le chant des cigales“ -, der sich mit dem sommerlichen Süden verbindet. Für viele Ohren klingt dieses Geräusch allerdings gar nicht nach Gesang, sondern einfach nur nach Lärm.

 

In Maubec, 23. Juni 2020

 

Das Thermometer steigt inzwischen über 34 Grad, die Provence schwitzt unter der grellen Sonne. Auf den Wiesen hinter Maubec, einem kleinen Weiler am Fuße des Luberon, suchen Pferde den kühlen Schatten unter den wenigen Bäumen. Dahinter öffnet sich ein riesiges Weidegelände, auf dem sich wollige Tiere im dunklen Morast suhlen. Eine Infotafel davor klärt die unwissenden Spaziergänger auf. „Es hat einen Korkenzieher-Schwanz, aber ein Wollkleid, ist das ein Schaf?“ lautet die launige Eingangsfrage. Und die Antwort: „Nein, es ist ein Schwein.“

 

In Ménerbes, Juni 2020

 

Schon von weiten sichtbar auf einem Bergrücken des Luberon präsentiert sich Ménerbes den Besuchern: Der Ort gilt als einer der schönsten Frankreichs. Jetzt, nach dem Corona-Lockdown und vor den großen Sommerferien, ist es an einem heißen Sommertag in den schmalen mittelalterlichen Gassen noch friedlich und still. Das war nicht immer so. Ménerbes hat aufregende Zeiten hinter sich, seit sich der britische Schriftsteller Peter Mayle dort vor mehr als 30 Jahren niedergelassen hat. Sein Buch „Mein Jahr in der Provence“ erlangte Weltruhm, und damit wurde plötzlich das bis dahin eher verschlafene Ménerbes über alle Grenzen bekannt. Davon zehrt und daran leidet das kleine Bergdörfchen heute noch.

 

Nach der Ausgangssperre, 7. Juni 2020

 

Wie schmeckt Freiheit? Wie ein frisch gezapftes Bier. Kalt und frisch, das Glas beschlagen. Die Schaumkrone wirft feine Bläschen. Der erste Schluck füllt den Mund und rinnt kalt durch die Kehle, und ein Wohlgefühl bereitet sich im ganzen Körper aus. Die fröhlichen Stimmen der Menschen an den Nachbartischen umschwirren uns. War da was? Nach knapp drei Monaten haben die Restaurants und Bars seit dem 2. Juni in Frankreich wieder geöffnet. Und es fühlt sich ganz so an, als wäre die Corona-Krise nur ein schlechter Traum gewesen.

 

Im Pankratius-Weg, 1. Mai 2020

 

Die Eisheiligen kommen. Daran muss ich denken, wenn wir gerade durch den kleinen Pankratiusweg spazieren. Pankratius, Bonifatius, die kalte Sophie… so richtig kann ich mir die kalten Mai-Heiligen nie merken. Passionierte Gärtner werden sie bestimmt besser kennen. Wie sich Pankratius in diesen idyllischen kleinen Landweg verirrt hat, erscheint zwar erstaunlich, aber nicht ungewöhnlich: In Frankreich, in dem seit 1905 die Trennung zwischen Kirche und Staat als Gesetz festgeschrieben ist, verweisen noch immer viele Straßen- und Ortsschilder auf die christliche Geschichte des Landes. Dass St. Pancrace für die Bewohner des kleinen provenzalischen Städtchens aber mehr war als ein meteorologischer Fingerzeig, darüber bin ich erst jetzt in einem Artikel der Lokalzeitung gestolpert. Und dabei gibt es durchaus einen Verweis in die heutige Zeit.

 

Spaziergänge, April 2020

 

„Confinement“, dieses französische Wort kannte ich bisher gar nicht. Inzwischen ist das anders. Wir leben im confinement. Seit fünf Wochen ist das unser Zustand: Ausgangssperre. Der Himmel über uns spannt sich immer noch unendlich, nur noch selten durchschneiden Kondensstreifen von Flugzeugen das weite Blau. Doch die Tür hinaus ist blockiert. Nur ein Passagierschein öffnet den Weg. Zum Beispiel zu einem Spaziergang mit dem Hund. Und davon machen wir jeden Tag mit mehr Begeisterung Gebrauch. Wir entdecken unser Zuhause neu. Und unsere – vierbeinigen – Nachbarn.

 

In der Ausgehsperre, März 2020

 

Keine Reisegeschichte. Die Menschen reisen nicht mehr. Sie verlassen ihre Häuser nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Draußen lauert die Gefahr wie ein unsichtbarer Belagerer, und drinnen hockt die Angst und wartet, dass der Feind abzieht. Und doch eine Reisegeschichte: Wenn das Leben eine einzige Reise ist, dann birgt auch dieser unvorhergesehene Halt viel Erzählenswertes. Über Hamsterkäufe und Toilettenpapier natürlich!

 

Auf dem Samstagsmarkt in Apt, 14. März 2020

 

Der Wochenmarkt in Apt ist einer der ältesten in der Provence. Auf jeden Fall gilt er als einer der lebendigsten und schönsten, weshalb sich ein Ausflug nach Apt an einem Samstagvormittag immer lohnt. An einem frühen warmen Märztag in einer Zeit, in der die Welt nur über das Coronavirus spricht, ist der Markt allerdings eher ungewöhnlich still.

 

Kunst im Fluss, März 2020

 

Als das Venedig der Provence ist L’Isle sur la Sorgue auch bekannt: Was ich der Lagunenstadt die Kanäle, das sind in dem Provence-Städtchen die Wasserläufe der Sorgue, die auf vielerlei Wegen durch die Stadt mäandern. Über einen dieser Flussarme führt eine malerische Brücke, über die ich schon oft gelaufen bin. Doch nur wer die Muße hat und auf der Brücke stehen bleibt, entdeckt, was die Strudel auf den ersten Blick verbergen: Dort, unter der Wasseroberfläche, liegt ein großes Ohr.

 

Erinnerungen an eine tolle Frau, Februar 2020

 

Wenn man das Leben als eine Reise begreift, dann wächst das Fotoalbum mit den Reiseberichten jeden Tag. Wir sind in einen Bus eingestiegen und fahren voran. Die Reisegesellschaft, das ist die Lebensgemeinschaft mit all den Menschen, mit denen wir den gleichen Weg haben. Immer wieder hält der Bus, neue Mitreisende steigen ein. Andere steigen aus. Manchmal fällt der Abschied leicht, manchmal schwerer. Manchmal ist er endgültig. Wie jetzt bei Heidrun. Ihr soll dieser Text gewidmet sein.

 

Es ist Jagdsaison, Februar 2020

 

Schüsse hallen durch die Luft. Daran haben wir uns schon gewöhnt, wenn wir spazieren gehen. Bereits den ganzen Winter über sind, oft schon früh morgens, die Jäger zu hören. Die Franzosen und die Jagd, das ist eine besondere Passion. Aber mittlerweile sorgen in jeder Saison von September bis März spektakuläre Jagdunfälle für negative Schlagzeilen. Vor zwei Jahren etwa wurde in den Savoyen ein Brite auf seinem Mountainbike erschossen – die Schützen hielten ihn angeblich für ein Wildschwein. Was einen Abgeordneten anschließend veranlasst haben soll, auf Twitter darüber nachzudenken, ob man das Mountainbiken während der Jagdsaison nicht einfach verbieten könne.

  

In Caumont-sur-Durance, Januar 2020

 

Die Provence war einst römisches Land. Vor 2000 Jahren begannen die Römer unter Kaiser Augustus das Land zwischen den Pyrenäen und den Alpen zu besiedeln und auszubauen. Auf ihre Spuren trifft man heute immer wieder in der ehemaligen römischen Provinz Gallia Narbonensis. Nirgendwo sonst stehen so viele imposante Baudenkmäler, Amphitheater, Aquädukte oder Triumpfbögen, die an die Kultur des Römischen Imperiums erinnern. Manchmal sind es auch nur unscheinbare Mauerreste, die am Wegrand zu finden sind. Zum Beispiel in Caumont-sur-Durance.

 

Eine heitere Kuchengesellschaft, Januar 2020

 

Essen gehört in Frankreich zur Lebenskunst. Für die Liebhaber der guten Küche ist das Land zwischen Elsass, Atlantik und Provence das reinste Schlemmerparadies. Doch gerade in der Weihnachtszeit reiht sich eine süße Kalorienbombe an die andere.

 

Weihnachtszeit in Bonnieux, Januar 2020

 

Über Nacht hat es gefroren. Raureif liegt auf dem Gras, bei jedem Ausatmen entsteht eine Nebelwolke vor dem Gesicht. Aber die Sonne schiebt sich langsam mit warmen Strahlen durch den Morgendunst, bis der Himmel klar und blau ist. An diesem typisch kalten Dezembertag ist der Ausblick von Bonnieux aus unbeschreiblich. Das typisch provenzalische Bergdorf liegt auf einer Bergkuppe des Luberon, und von dort sieht man weit von den ockerfarbenen Dächern des Dorfes über die Weinfelder im Tal bis hin zum Mont Ventoux, dem höchsten Gipfel des Vaucluse-Gebirges auf der anderen Talseite, auf dem heute sogar Schnee liegt. Immer höher führt die schmale und gewundene Dorfstraße durch verwinkelte und enge Gassen, und schließlich müssen wir noch 87 Treppenstufen über eine grobe, unebene Steintreppe steigen, bis wir ganz oben stehen. Auf diesem höchsten Punkt steht, umgeben von imposanten Zedern, die Alte Kirche (Vieille oder Haute Église). Für diesen Ausblick hat sich der Aufstieg gelohnt!

 

Ungewöhnliche Weihnachten in Carpentras, Dezember 2019

 

Weihnachten – das ist, zumindest für Kinder, Magie! Je älter man wird, desto mehr verliert das Fest für viele Menschen leider seinen Zauber. Wer vergessen hat, sich wie ein Kind zu fühlen, wer wieder einmal staunen will, wer sich verzaubern lassen möchte, der sollte in der Weihnachtszeit unbedingt in dem provenzalischen Städtchen Carpentras vorbeischauen: „Noëls insolites“ – „ungewöhnliche Weihnachten“, das ist ein weihnachtliches Spektakel, das nicht nur kleine, sondern auch große Kinder verzaubert.

 

Auf dem Weihnachtsmarkt, Dezember 2019

 

Es weihnachtet … natürlich auch in der Provence! In vielen Orten werden jetzt für ein Wochenende oder mehr die Basare aufgebaut, les marchés de Noël. In unserem kleinen Städtchen gibt es sogar einen richtigen Weihnachtsmarkt, der bis zum 1. Januar der Mittelpunkt des Stadtlebens ist.

 

In Aix-en-Provendce, November 2019

 

Fragt man die Franzosen, in welcher Stadt sie am liebsten wohnen möchten, überrascht die Antwort nicht: Paris steht ganz oben an. Auf den zweiten Rang landet bei solchen Umfragen immer einer Stadt aus der Provence: Aix-en-Provence. Jeder, der schon mal über den Cours Mirabeau gebummelt ist, wundert sich darüber nicht. Die Stadt ist quasi das Paris der Provence. Man muss Aix-en-Provence einfach lieben. Oder Aix, wie die Bewohner dieses schönen Städtchens sagen.

  

Ein Restaurant-Besuch, November 2019

 

Das Restaurant ist im Internet immer gut besprochen. Davon hatten wir uns schon einmal leiten lassen. Im Frühjahr hatten wir zum ersten Mal dort gegessen. Das Menü war nett, aber nicht umwerfend. Vor allem hatten wir beim Essen gefroren. Aber na ja, man soll jedem eine zweite Chance geben. Also waren wir jetzt wieder dort.

 

Auf dem Sonntagsmarkt in L'Isle sur la Sorgue, Oktober 2019

 

In der Provence hat jeder Ort seinen Wochenmarkt. Der Montagsmarkt in Cavaillon wurde schon im 19. Jahrhundert mit seinen Melonen bekannt. Mittwochs werden die Marktstände in den kleinen Gassen von Saint-Rémy-de-Provence aufgebaut. Und freitags lädt das malerische Städtchen Lourmarin im Luberon zum Marktgang ein. Selbst sonntags findet der passionierte Marktgänger keine Ruhe. Denn dann steht ganz L’Isle sur la Sorgue Kopf! Wer unter Platzangst leidet, sollte lieber im Herbst und Winter kommen.

 

Mutter kommt zu Besuch, Oktober 2019

 

Jede Reise ist ein Abenteuer. Wie komme ich von A nach B? Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass wir mit dem Flugzeug in kürzester Zeit alle Punkte dieser Erde erreichen können. Doch ob zwischen A und B Meere und Kontinente liegen oder nur einige Busstationen, unsere Fortbewegung hängt von vielen Faktoren ab. Und die meisten davon sind menschlich.

 

Von nervigen Mitbewohnern, September 2019

 

Tiere können das Leben sehr bereichern. Und ich meine damit nicht nur den Speiseplan! Was gibt es Schöneres, als mit seinem Hund spazieren zu gehen, den Hühnern im Garten beim Scharren zuzusehen, die Vögel vor dem Fenster zwitschern zu hören? Aber mit unserem Umzug aufs Land sind auch Tiere in unser Leben getreten, an die ich nach vielen Jahren in der Stadt gar nicht mehr gedacht habe. Ich gebe zu, ich hatte vergessen, dass es Fliegen gibt!

 

Morgendliche Begegnungen, September 2019

 

Jeden Morgen komme ich an dem verwunschenen Garten vorbei. Er ist natürlich nicht wirklich verwunschen, aber wer weiß das schon? Eigentlich ist es eher ein wilder Garten mit Buchsbaum und Sträuchern, Unkraut und trockenem Gras und einer Terrasse. Durch die Gitterstäbe spähe ich durch rankendes Grün hinein und muss die Augen zukneifen, denn die frühe Sonne scheint mir direkt ins Gesicht. Wie ein riesiger Scheinwerfer setzt sie die Terrasse und den Garten in helles Licht, so dass alle Dinge dort einen Heiligenschein bekommen. Auch der Hund, der auf der Terrasse liegt, wirkt der Welt entrückt. Wenn er mich sieht, springt er auf und läuft zum Gitterzaun neben der Einfahrt. Ganz ernst und aufmerksam schaut er mich durch die rostigen Gitterstäbe an. Ich sage „hallohallo“ und gehe weiter. Manchmal drehe ich mich noch einmal um und bin gerührt, weil der Hund mir nachsieht.

 

Zuwachs im Hühnerhof, August 2019

 

Wenn man das Leben als eine Reise betrachtet, kann man sich schon mal wundern, an welchen Stationen man Halt macht. Und mit wem. Zu unserem derzeitigen Aufenthalt haben sich zum Beispiel sechs Hühner gesellt. Hätte mir das noch vor zwei Jahren jemand prophezeit, ich hätte ihn ausgelacht. Aber nun sind sie da, die Hühner, in unserem Leben, und wir können sie uns nicht mehr fortdenken.

 

Der Schwimmende Markt in L'Isle sur la Sorgue, August 2019

 

Keine Frage: Venedig ist einmalig. Aber wer es etwas übersichtlicher und gemütlicher mag, ist in L’Isle sur la Sorgue gut aufgehoben. Viele kleine Brücken und Stege führen über die Sorgue, die mit vielen Wasserläufen und Kanäle die Inselstadt durchzieht. Nicht umsonst ist das kleine Städtchen als Venedig der Provence bekannt. Und im Sommer wird rund ums Wasser und auf dem Wasser gefeiert!

 

In der Calanque de Figuerolles, Juli 2019

 

Bei Fjorden denkt man vor allem an Skandinavien, an steile Felsen, malerische Buchten und unberührte Landschaften. Aber der Küstenstreifen zwischen Marseille und Cassis bietet mit seinen Calanques eine ebenso spektakuläre Natur. Die in Kalksteinfelsen geschnittenen Buchten sind nur auf dem Wasserweg oder über nicht immer einfache Wanderwege zu erreichen. Unser Reiseführer hat einen besonderen Geheimtipp: die kleine Calanque de Figuerolles ganz östlich bei La Ciotat. Auch ein kleines Hotel mit Restaurant gibt es dort. Ideal für einen Wochenend-Besuch.

 

Fischerfest in L'Isle sur la Sorgue, Juli 2019

 

L’Isle-sur-la-Sorgue ist ein Ort am Fluss. Die Sorgue schlängelt sich durch das Städtchen, das als Klein Venedig der Provence bekannt ist. Ausgediente Wasserräder drehen sich malerisch für die Fotos der Touristen. Früher war L’Isle ein reiner Fischerort. Bis weit ins Mittelalter lebten die Menschen vom Fischfang, sie zogen Forellen, Elritzen und Aale aus dem frischen Wasser, das nur fünf Kilometer entfernt aus einer Quelle entspringt. Vor allem Flusskrebse sicherten den Lebensunterhalt: Zu zehntausenden wurden sie täglich aus der Sorgue gefischt, bis Ende des 19. Jahrhunderts eine Epidemie die Krebspopulation vollkommen vernichtete. Wenn diese alten Zeiten und ihre Traditionen in L’Isle wieder lebendig werden, dann dank der Fischerbruderschaft. Am dritten Sonntag im Juli feiert sie ihr Fischerfest.

 

Nach Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, Juni 2019

 

Ein Ausflug in die Camargue – wer denkt da nicht an weiße Pferde, schwarze Stiere und Rosaflamingos? Wir jedenfalls tun es. „Ihr müsst mir unbedingt ein Flamingo-Foto schicken“, hatte uns zuvor noch eine Freundin gebeten. Das Foto sind wir noch schuldig, denn wir sahen Stiere, Pferde, viele Reiher, Schwäne, aber Flamingos leider nicht.

 

Vogelkind landet vor Hundeschnauze, Juni 2019

 

Beim Frühstück unter der großen Pinie im Garten ist uns heute ein kleines Vogelkind vor den Tisch geflogen. Besser gesagt: Willi, unser vierbeiniger Mitbewohner, hat das flatternde Etwas aus der Hecke aufgestöbert und wie einen Fußball vor sich hergetrieben. Die einzige Chance, das kleine Wesen vor seinen Fängen zu retten – ich nahm es in die Hand. Es zappelte nicht, stellte sich ganz ruhig, und ich spürte sein Herz in meiner Hand pochen. Was macht man, wenn man unversehens einen kleinen Vogel in der Hand hält?

 

Vor dem Tour Philippe, Juni 2019

 

Lebe deinen Traum! Heute sagt sich das so leicht. Jeder, der mit seinem Weg hadert und nicht weiß, wie er sein Leben richtig leben soll, bekommt das zu hören. Das hätte Philippe Audibert gefallen! Als er beschloss, seinem Bauchgefühl zu folgen und endlich sein Ding zu machen, sorgte das ordentlich für Aufsehen und Gerede. Er sei ein bisschen „fada“, so sagt die Leute damals – ein bisschen verrückt. Fada ist provenzalisch und hieß ursprünglich „von den Feen berührt“. Und vielleicht haben sie ihn ja berührt, die Wesen aus einer anderen Welt, vielleicht hatte Philippe einfach eine höhere Vision. Und so wollte er selbst hoch hinaus.

 

Unterwergs in den Ockerbrüchen von Rustrel, Mai 2019

 

Es gibt Orte, die sind nicht von dieser Welt. Wer schon mal über den Strand von Sankt Peter-Ording gelaufen ist, weiß, wie es sich anfühlt, auf dem Mond gelandet zu sein. So geht es einem auch im Colorado Provençal in Rustrel. Bekannter sind in der Provence vielleicht noch die Ockerfelsen im 15 Kilometer entfernten Roussillon. Doch wer Ockerbrüche richtig erleben will, sollte den kleinen Ort Rustrel nicht verpassen!

 

Die Hürden der modernen Kommunikation, April 2019

 

Die gute Nachricht vorweg: Wir sind im Leben, denn wir haben jetzt eine „Lifebox“. So heißen die Router in Frankreich. Wir sind jetzt also erreichbar und können ins Internet. Das ist schön. Aber dass gerade die sogenannten Kommunikationsunternehmen es einem immer so schwer machen, kommunikativ tätig zu werden, ist in Frankreich nicht anders als in Deutschland.

 

Eine himmlische Mittagsstunde, April 2019

 

Blau. Der Himmel ist so tief blau an diesem Tag. Ich liege auf der Bank und blicke in die Unendlichkeit. Keine Wolke ist zu sehen. Nur feine Kondensstreifen durchziehen wie Wellenbrecher diese Ganzheit, wenn ein fernes Flugzeug mein Blickfeld streift. Der Flugzeugrumpf blinkt in der Sonne wie ein Stern in dunkler Nacht. Von wo es wohl kommt? Wohin fliegt es?

 

In den Steinbrüchen des Lichts, April 2019

 

Es gibt Dinge, die man schlecht beschreiben kann. Man muss sie erleben. Den ersten Sex zum Beispiel. Eine Achterbahnfahrt. Weniger rasant, aber ebenso aufregend ist der Besuch in den Carrières de Lumières, den Steinbrüchen des Lichts in Les Baux-de-Provence.

 

Sechs Junghennen haben ein neues Zuhause, April 2019

 

Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? In unserem Fall ganz klar: das Huhn. Besser gesagt: sechs Hühner. Ja, wir haben gackernden Familienzuwachs erhalten. Und der sorgt nun bei uns für Eier-Glücksgefühle!

 

Wenn Raupen auf eine Prozession gehen, März 2019

 

Die ersten Schmetterlinge flattern schon am Fenster vorbei! In kräftigen Regenbogenfarben schimmern ihre Flügel. Liegt es an ihrer Buntheit, an ihrer filigranen Zartheit, an ihrem fröhlichen Geflatter im Wind? Tatsache ist wohl: Alle Menschen lieben Schmetterlinge. Es ist deshalb ein besonderes Lehrstück der Natur, dass ausgerechnet diese schönen Lebewesen aus Raupen schlüpfen, die so gar nicht dem menschlichen Schönheitsideal entsprechen? Und die manchmal sogar gefährlich sind. Ein Beispiel dafür ist der Pinien-Prozessionsspinner.

 

Ein Waldspaziergang bei Bonnieux, März 2019

 

In alten Kulturen wurden Zedern als heilige Bäume verehrt. Die immergrünen Kieferngewächse wachsen in Nordafrika, im Nahen Osten und im Himalaya. Denn Zedern mögen heiße Sommer und überstehen gut Trockenzeiten. Aber auch in der Provence kann man unter den majästetischen Baumriesen wandern. Denn einer der größten Zedernwälder Europas befindet sich im Luberon.

 

Ein Rätsel am Wegesrand, Februar 2019

 

Hier beginnt unsere Geschichte. So hat es jemand in Schönschrift auf einen Stein geschrieben. Der Stein liegt in einem Einsatz einer Steinmauer am Wegrand zwischen Steineichen und Olivenhainen bei Robion. „C’est ici que notre histoire commence…“ Den Rest soll sich wohl jeder selbst denken, der vorbeikommt und neugierig hineinschaut.

 

An der Pestmauer in Cabrières d'Avignon, Januar 2019

 

Immer, wenn der Mensch sich nicht anders zu schützen wusste, hat er Mauern gebaut. In einer globalen Welt werden Grenzen dagegen anders gesetzt. Mauern sind Geschichte: Auf der Chinesischen Mauer klettern Touristen, die Berliner Mauer existiert nur noch in einigen Köpfen. Und doch diskutiert die Welt plötzlich wieder einen Mauerbau: Ob Donald Trump mit seinem Plan, einen Grenzwall zu Mexiko zu bauen, durchkommt?

 

Umzug mit zwei Möbelpackern, November 2018

 

Ein anderer Ort, ein neues Leben. Das alte wird hinterhergefahren, der Möbelwagen soll am frühen Morgen kommen. Doch der Tag fängt nicht gut an. Erst ein Anruf von der Spedition, der Truck ist auf der Strecke liegengeblieben, ein Ersatzteil muss erst besorgt werden. Dann ziehen auch noch dunkle Wolken auf. Als am frühen Abend der riesige Lastwagen endlich in der Auffahrt parkt und die beiden Packer die Hecktüren aufhebeln, öffnet auch der Himmel seine Schleusen.

 

Begegnungen mit „Xeropicta derbentina", Oktober 2018

 

Wenn die Sonne in der Provence am heißesten brennt, mischen sich in die Lavendelfarben des Sommers plötzlich überall weiße Farbtupfer. Felder und Straßenböschungen verwandeln sich, aus der Ferne betrachtet, in Blütenmeere. Erst beim Näherkommen erkennt man: Die vermeintlichen Blüten leben. Es sind Schnecken.

 

Ein Spaziergang durch Nîmes, Oktober 2018

 

Nîmes bekommt in jedem Reiseführer drei Ausrufezeichen. Zurecht. Die Hauptstadt des französischen Département Gard vereint antike und moderne Kunst auf engstem Raum. Doch wer auf dem Weg vorbei an den imposanten Bauwerken den staunenden Blick mal ein wenig senkt, entdeckt einen ungewöhnlichen Weggefährten: ein kleines grünes Krokodil.

 

Pizza Piquante in Goult, Oktober 2018

 

Fremde Menschen um etwas zu bitten, das fällt schwer. Warum sollte Dir ein Fremder einen Gefallen tun? Denkst du. Bist du nicht selber immerzu auf Vorsicht gebügelt? Wem kann man heute noch trauen?! Umso schöner, wenn man Menschen trifft, die dich eines Besseren belehren. Im konkreten Fall: eine Pizza vorschießen.

 

Annäherungen an ein Naturphänomen, September 2018 

 

Ganz plötzlich braust er auf und nimmt dich in den Arm. Mal streichelt er dich, viel öfters schüttelt er dich heftig, der Ungestüme, und bläst dir kalt ins Gesicht. Er kann jammern und heulen, stöhnen, pfeifen und seufzen. Dann holt er noch mal tief Luft, um abrupt wieder loszulassen. Dem Mistral kann man in der Provence nicht entgehen. Ihn zu treffen, ist immer wieder ein durchrüttelndes Erlebnis.

 

Die Begegnung mit einem kleinen Distelfink, September 2018

 

Am Morgen liegt er im Gras. Ein kleines Knäuel, der Hals merkwürdig verrenkt. Ein Jungvogel, der aus dem Nest gefallen ist. So hilflos, der Körper pumpt das kleine Leben angestrengt durch sich hindurch. Hat er sich das Genick gebrochen? Wir können ihn doch nicht so liegen lassen.

 

Am Pont Julien, August 2018

 

Bilder vom tragischen Einsturz der Morandi-Brücke in Genua füllen noch immer die Zeitungsseiten, 43 Menschen kamen dabei am 14. August ums Leben. Die Suche nach den Ursachen für den Einsturz des gerade einmal  50 Jahre alten Bauwerkes hat gerade erst begonnen. Gedanken daran kommen einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man zum Beispiel vor einer alten Brücke steht. In diesem Fall vor der Pont Julien in der Provence: Die kleine römische Steinbogenbrücke bei Bonnieux ist über 2000 Jahre alt.

 

Auf der Internationalen Antiquitätenmesse in L'Isle sur la Sorge, August 2018

 

Wer schöne Dinge aus zweiter Hand sucht, ist in L’Isle sur la Sorgue an der richtigen Adresse. Der kleine provenzalische Marktfecken ist sozusagen die Antiquitätenhauptstadt Frankreichs. Über 250 Antiquitätenhändler bieten Altertümliches, Kunst und Mobiliar quer durch alle Epochen. Zweimal im Jahr verwandelt sich der ganze Ort für ein paar Tage in einen riesigen Trödelmarkt unter freien Himmel: Immer zu Ostern und zu Mariä Himmelfahrt um den 15. August zieht es Besucher aus der ganzen Welt zur Internationale Antiquitätenmesse.

 

Ein Wochenende in Nordspanien, Juli 2018

 

Wie frei man eigentlich ist, merkt man erst, wenn man über Grenzen geht. Selbstverständlichkeiten sind woanders eben gar nicht so selbstverständlich. „Es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis“, sagte Albert Camus. Wenn man zudem nicht die gleiche Sprache spricht, wird es mit dem Verständnis nicht gerade leichter. Eine Lehrstunde dazu haben wir in Bilbao erhalten. 

 

Ein Nachmittag in Fontaine-de-Vaucluse, Juli 2018

 

Wer in der brütenden Sommerhitze der Provence einen kühlen Ort sucht, fährt nach Fontaine-de-Vaucluse. Spätestens dort muss er feststellen, dass viele andere Menschen die gleiche Idee hatte: Die Quelle der Sorgue, des grünen Flüsschens, das diesen Teil der Provence fröhlich sprudelnd durchzieht, gehört zu den beliebtesten Naturdenkmälern Frankreichs. Doch trotz der vielen Touristen und der damit verbundenen Begleiterscheinungen hat Fontaine-de-Vaucluse sich seine ganz eigene Magie erhalten und lohnt einen Besuch.

 

Eine Nacht im Jura, Juli 2018

Perlhühner sind keine richtigen Hühner. Sie gackern nicht. Sie tuckern - und manchmal kreischen sie laut und lang. Es klingt wie ein schnarrendes Scheppern, erinnert an die Autohupe der Waltons. Durch die Stille des Revermont, des Naturschutzgebietes im Süden des französischen Jura, klingt der Schrei fremd und exotisch.

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