In der Calanque de Figuerolles, Juli 2019

 

Bei Fjorden denkt man vor allem an Skandinavien, an steile Felsen, malerische Buchten und unberührte Landschaften. Aber der Küstenstreifen zwischen Marseille und Cassis bietet mit seinen Calanques eine ebenso spektakuläre Natur. Die in Kalksteinfelsen geschnittenen Buchten sind nur auf dem Wasserweg oder über nicht immer einfache Wanderwege zu erreichen. Unser Reiseführer hat einen besonderen Geheimtipp: die kleine Calanque de Figuerolles ganz östlich bei La Ciotat. Auch ein kleines Hotel mit Restaurant gibt es dort. Ideal für einen Wochenend-Besuch.

Oberhalb der Bucht endete die Straße, das Auto müssen wir auf dem Parkplatz stehen lassen und das Gepäck den kleinen Fußweg hinunterschleppen. Genau 87 große, unebene Stufen führen hinab, und auf denen wird es schon mal eng. Mütter, die Badetaschen geschultert, kleine Kinder im Badeanzug, Teenager mit Strandlaken und Kopfhörern eilen leichten Schrittes hinab oder langsam und bedächtiger hinauf. Belohnt wird jeder Besucher mit einem wirklich schönen Panorama.

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Zerklüftet und durchlöcherte hohe Felswände rahmen das kleine grüne Tal der Calanque de Figuerolles ein. Von den Feigenbäumen (figuier), die der Calanque den Namen gaben, gibt es nicht mehr viele; Pinien und Aleppokiefern finden auf dem steinigen Untergrund Halt. Überragt werden die Klippen von dem großen Felsen am Eingang. Wie ein Kopf sitzt die schräge Spitze auf dem Felsmassiv. Das hat ihm wohl den Namen Kapuzinermönch eingebracht. Andere sehen in der ungewöhnlichen Steinformation einen Hundekopf. Es ist, wie immer, eine Frage der Perspektive.

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Die Calanque gehört zu La Ciotat. Große Kräne überragen das nette Küstenstädtchen. Jahrhundertelang lebte La Ciotat vom Schiffsbau, bis die Werften in den achtziger Jahren geschlossen wurden. In den alten Werkshallen werden inzwischen Luxusjachten repariert. Am alten Hafen reihen sich die Restaurants aneinander, im Sommer sorgt an jedem Abend ein Nachtmarkt unter den Palmen auf dem Quai für Gedränge.

Welch ein Kontrast zu der kleinen Calanque, die nur 15 Minuten zu Fuß entfernt liegt. Der Strand ist nicht groß, und der Weg ins kühle Nass führt über Kies. Doch das türkisfarbene Wasser ist herrlich frisch und kühl. Hat man die rundgeschliffenen Kiesel erst mal überwunden, können die Füße zunächst über eine gerade Betonfläche unter Wasser laufen. Vielleicht gehört sie zu den Resten der deutschen Militäranlage aus dem Zweiten Weltkrieg, deren Reste noch in der Bucht liegen. Mit wenigen Schwimmzügen erreicht man den kleinen, vorgelagerten Felsen im Wasser. Er ist vor allem das Ziel der junge Männer, die ihren tollkühlen Mut beweisen müssen und als Klippenspringer den Besuchern Unterhaltung bieten. Im schmalen Zugang zum Meer dümpeln kleine Yachten auf dem Wasser. Die Bucht hat etwas Weltabgeschiedenes. Ihre stille Idylle hat schon große Maler wie Georges Braques und Othon Friesz fasziniert.

Vielleicht war es dieses Gefühl der Weltferne, das die Besitzer des kleinen Hotels, des einzigen Anwesens in der Calanque, 1956 auf eine ungewöhnliche Idee brachte: Sie riefen aus einer Laune heraus die unabhängige Republik Figuerolles aus. Igor und Tania waren russische Emigranten, die in der Bucht eine neue Heimat fanden. Das Restaurant mit einer Imbiss-Terrasse ist heute in dritter Generation noch immer im Familienbesitz. Und die „République Indépendante de Figuerolles“, kurz R.I.F., wird von der Familie als Werbegag bis heute fleißig vermarktet. So verläuft die Grenze zu Frankreich gleich hinter dem Parkplatz. Und die offizielle Landeswährung, informiert eine Tafel, sind Feigen. Frisch und ameisenfrei müssen sie sein.

Aber natürlich ist der Zugang zur Calanque öffentlich. Das Restaurant ist beliebt, die Tische sind immer gut ausgebucht, es gibt frischen Fisch und Gerichte aus der Region. Auch vier Appartements, drei kleine Bungalows und drei einfache Zimmer gehörten zum Betrieb, sie sind schon etwas abgewohnt, die Preise unterschiedlich gestaffelt zwischen 37 und 170 Euro. Unser Appartement hat ein Glasdach und ist total überhitzt. Und unter dem Moskitonetz werden wir die ganze Nacht über von Mücken malträtiert. Insgesamt erweist sich der zweitägige Besuch als recht teuer, verglichen auch mit anderen Übernachtungsmöglichkeiten in der Nähe. Aber dafür sind es am frühen Morgen nur wenige Schritte vom Bett bis zum Strand. Dort sind wir trotz der frühen Stunde allerdings nicht allein. Eine Gruppe junger Menschen hat am Strand auf den Kieselsteinen übernachtet. Die erste gucken gähnend aus ihren Schlafsäcken heraus und schnuppern die frische Morgenluft, andere lehnen immer noch schlafend an einem Felsen. Fragt sich, wer die angenehmere Nacht in der Calanque de Figuerolles verbracht hat…

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