Ein Restaurant-Besuch, November 2019

 

Das Restaurant ist im Internet immer gut besprochen. Davon hatten wir uns schon einmal leiten lassen. Im Frühjahr hatten wir zum ersten Mal dort gegessen. Das Menü war nett, aber nicht umwerfend. Vor allem hatten wir beim Essen gefroren. Aber na ja, man soll jedem eine zweite Chance geben. Also waren wir jetzt wieder dort.

Der erste Eindruck stimmte uns hoffnungsvoll: Der Raum wirkte warm. Vor den raumhohen Fenstern hingen graue Gardinen bis zum Boden, die waren beim letzten Mal noch nicht dort gewesen. Die Raum selbst ist urig eingerichtet mit Vintage-Möbeln und seltsamen Metallkonstruktionen, die von der Decke hängen. Der junge Kellner führte uns zu unserem Tisch direkt neben den Fenstern. Kaum hatten wir Platz genommen, stellte sich das alte Gefühl ein: Durch die grauen Gardinen wehte ein eisiger Wind. Wir fragten den jungen Mann, ob es noch einen anderen freien Tisch gebe, aber er schüttelte den Kopf – alles war reserviert. Also beschlossen wir, den kalten Hauch einfach zu ignorieren.

Der Gastraum ist klein. Zwölf Tische zählte ich. Vorne, hinter dem hölzernen Tresen, arbeitete die Chefin an der Bar. Sie blickte etwas mürrisch. Von der anderen Seite des Gastraums kann man in die Küche sehen – und den Köchen direkt auf die Finger. Die drei Tische neben uns waren zusammengeschoben zu einer langen Tafel. Vier Paare ließen sich nach und nach dort nieder, die Frauen auf der einen, die Herren auf der anderen Seite. Es gab wohl etwas zu feiern. Der junge Kellner brachte uns die Karte. Wir überlegten nicht lange hin und her, um unsere Bestellung noch vor der langen Tafel abzugeben. Wir entschieden uns für das Feinschmeckermenü.

Kaum war die Bestellung aufgegeben, erschien auch schon der erste Gang: Jakobsmuscheln, paniert und gebraten, mit Salat. Eine feine Sache, aber mit drei Muscheln auch dem großen Teller durchaus überschaubar. Die Herrschaften neben uns warteten wohl noch auf ein verspätetes Pärchen, bevor sie bestellten. Kaum hatte der Kellner die Vorspeiseteller abgeräumt, da kam schon der Hauptgang. Schnellabfertigung, schade. Es gab ein Rinderfilet mit Butter und Pommes Frites. Ob wir etwas Mayonnaise dazu bekommen könnten, fragte ich den jungen Mann. Er schaute, als hätte er noch nie diese Frage gehört. Mayonnaise? Da müsse er sich mal in der Küche erkundigen, sagte er, und kam nach kurzer Zeit kopfschüttelnd zurück. Mayonnaise gebe es nicht, wohl aber Senf. Die Kartoffelstäbchen schmeckten dann auch so.

Auch das kleine Filetstück war eine Freude, genau richtig gebraten, à point, zart und schön rosa. Das zweite Fleischstück sah dagegen schon irgendwie ganz anders aus, wie ein blutiger Klumpen. Eine dicke Sehne durchzog das Fleisch. Ich schnetzelte und säbelte, bis ich einen Bissen in den Mund schieben konnte. Dann kaute ich und kaute – und hatte Mühe, es herunterzuschlucken. Schließtlich gab ich es auf.

Das Filet blieb als Ausrufezeichen auf dem Teller liegen. Ein Zeichen, das der Kellner mit dem glatten Gesicht trotzdem nicht verstand: „Alles zu Ihrer Zufriedenheit?“ fragte er. Mit dem Fleisch sei ich gar nicht zufrieden gewesen, sagte ich und zeigte auf den klumpigen Haufen. Das könne kein Filet sein, denn das Fleisch habe Sehen. Der junge Mann stapelte die Teller übereinander und schob die Messer und Gabeln neben das Fleischstück. Da müsse er mal in der Küche nachfragen, sagte er und ging. Durch die Fenster konnten wir ihn in der Küche sehen, wo er mit den Köchen sprach. Sie drehten die Köpfe und sahen zu uns herüber. Einer der Männer drückte dem Kellner einen Zettel in die Hand, den er erst aufmerksam studierte, bevor er damit wieder zu uns kam. Aus den Augenwinkeln sahen wir, wie die Köche ihn und uns beobachteten. „Hier können Sie es sehen: es ist ein Filet“, sagte der junge Mann und legte uns einen Kassenbon auf den Tisch. „Aha.“ Wir starrten auf den Bon. Filet stand dort und der Preis unter einem Barcode. „Aber das Fleisch hatte Sehnen. Ein Filet hat keine Sehne.“ Der Kellner zuckte mit den Achseln. Wir schauten uns an. Weiterer Protest war wohl zwecklos.

Und damit sich unser Besuch in dem Restaurant nicht noch unnötig hinzog, kam auch postwendend der Nachtisch, eine Komposition aus Schokolade, Kuchen und einer süßen Yuzu-Soße. Alles war kalt und wohl direkt aus dem Kühlschrank. „Zu verzirkelt“ lautete unser erster Kommentar, aber wir mussten beim zweiten Löffel zugeben, dass es trotzdem lecker war.

In der Weißweinflasche war noch ein Rest, wir teilten ihn auf und beobachteten die Gäste an den anderen Tischen. Am Zehnertisch war das letzte Pärchen eingetroffen und mit großem Hallo begrüßt worden. Jetzt wurde die Vorspeise serviert. Mein Rücken war mittlerweile eisig kalt. „Lass uns gehen“, wollte ich eigentlich gerade sagen, als mir ein seltsamer Geruch in die Nase stieg. Was war denn das? Da sah ich die Stoffservierte vor mir in Flammen aufgehen! Ohne es zu merken, hatte ich das Tuch wohl in das Teelicht, das in der Tischmitte stand, geschoben. Geistesgegenwärtig knüllte meine Freundin den Stoff zusammen und erstickte das Feuer. Zurück blieb eine hässlich angekokelte Serviette, die anklagend vor mir auf dem Teller lag.

Serviette

 

Es gab keinen Grund, noch länger zu bleiben. Als ich bei der Chefin vorne an der Kasse bezahlte, schob ich das Belastungsstück über den Tresen und entschuldigte mich. Natürlich würde ich für die Serviette aufkommen. Von dem Filet sagte ich nichts mehr. Die schwarzhaarige Frau nahm das Tuch in die Hand und lächelte zum ersten Mal an diesem Abend herzlich. Nein, alles kein Problem, sagte sie. Wenigstens sei es nur eine Serviette, die ich in Brand gesteckt habe, und nicht das ganze Lokal. Ich gab ihr trotzdem und mit schlechtem Gewissen ein gutes Trinkgeld. Wir waren froh, als wir vor der Tür die frische Herbstluft einatmeten. Dieses kleine Städtchen hat zum Glück sehr viele und viele gute Restaurants…

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