Spaziergänge, April 2020

 

„Confinement“, dieses französische Wort kannte ich bisher gar nicht. Inzwischen ist das anders. Wir leben im confinement. Seit fünf Wochen ist das unser Zustand: Ausgangssperre. Der Himmel über uns spannt sich immer noch unendlich, nur noch selten durchschneiden Kondensstreifen von Flugzeugen das weite Blau. Doch die Tür hinaus ist blockiert. Nur ein Passagierschein öffnet den Weg. Zum Beispiel zu einem Spaziergang mit dem Hund. Und davon machen wir jeden Tag mit mehr Begeisterung Gebrauch. Wir entdecken unser Zuhause neu. Und unsere – vierbeinigen – Nachbarn.

Ja, es ist wahr – der Gassigang ist inzwischen ein Höhepunkt des Tages. Eine Stunde am Tag rund ums Haus herum, so viel ist erlaubt. Rund ums Haus? Ein Kilometer ist vorgegeben. Die Maßeinheit ist schwer abzuschätzen. So viele Straßen führen nicht ein Kilometer um uns herum. Aber Pi mal Daumen fühlt sich unser Haus jedenfalls immer noch ganz nah an. Und dabei erkunden wir viele neue Ecken.

Eigentlich ist es kein Gassigang. Es ist unser Spaziergang, auch wenn unser Hund sichtlich daran Gefallen hat. Die Menschen lernen in Zeiten von Kontaktsperre und Pandemie die Bewegung neu zu schätzen. Joggen ist in, und noch nie sind uns auf den kleinen Gassen rund ums Haus so viele Menschen spaziergehend entgegengekommen. Dann gehen wir hintereinander, jeder auf seiner Seite, und nicken uns zu. Mindestabstand 1,50 Meter! Mit immer größeren Schritten durchschreiten wir unser neues Terrain, der Übergang zum Joggen ist bestimmt nicht mehr weit… Die Sonne beflügelt den Schritt, die Vögel zwitschern, wir winken einem Pferd zu und genießen die Frühlingsdüfte, die die Luft schwängern.

Und wir werden schon erwartet. Nicht von den Nachbarn, deren Häuser sich oft hinter hohen Mauern und undurchdringlichen grünen Hecken verstecken und nicht mal einen schnellen Blick erlauben. Aber von ihren Wächtern. In fast jedem Garten, an dem wir vorbeimarschieren, bellt mindestens ein Hund. Und jeder ist anders. Manche lauern schon von weitem, erst still und trügerisch freundlich, um dann, wenn wir sie erreichen, hervorzuspringen, hinter den Büschen, am Gitter oder an der Mauer hoch. Die erste Begegnung ist immer mit dieser Schrecksekunde verbunden. Aber inzwischen kennen wir die Krawallbrüder und sind rechtzeitig gewarnt.

Die Franzosen sind sehr hundefreundlich. Und viele haben selbst einen Hund. Die meisten Gartenhüter sind große und imposante Vierbeinern, die schon von der Statur her Eindruck machen. Schäferhunde sind neben Jagdhunden in dieser Region besonders beliebt. Auch Border Collies. Allerdings trifft man nur sehr selten Einheimische, die mit ihren Hunden promenieren. Die französischen Hunde verlassen anscheinend selten den Garten, über den sie wachen. Und so kennen wir mittlerweile die Nachbarn durch ihre Hunde, die uns am Zaun melden.

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Zwei Häuser weiter gibt es zum Beispiel zwei Jagdhunde, die bei jedem Passanten in lautes Geheul ausbrechen. Einen haben wir „Gießkanne“ getauft, denn tatsächlich ist das blecherne Geräusch, das aus dem Hals tönt, in etwa der Ton, den unsere Gießkanne von sich geben könnte, wenn man in die Tülle bläst. Ok, wir haben es noch nicht überprüft… Auf der anderen Seite gibt es ein Riesengrundstück mit einem sehr kleinen Hund, der aber über ein großes Stimmorgan verfügt. Jedes Mal, wenn wir dort um die Ecke biegen, fängt er an zu schreien. Ja, es ist ein Schreien wie das von einem kleinen Kind, das furchtbare Schmerzen ertragen muss – und diese Schreie verlieren bei uns bis heute nichts an ihren Schrecken.

Dann gibt es den lustigen Hund mit kurzem Schwanz, der laut bellend im Fünfeck springt, wenn wir vorbeikommen, und darüber müssen wir immer lachen. Es sieht wirklich lustig aus. Vielleicht macht ihn das noch wütender, denn er bellt noch lauter und springt noch verrückter.

Viele Hunde bleiben im Verborgenen: Das Gekläffe hinter der Mauer, aufgeregtes Getrappel, ein Rascheln hinter der Hecke. Manchmal sind nur die Pfoten im Schlitz unter dem elektrischen Portal zu sehen. Dann können wir nur raten, wer uns dahinter verbellt.

Und dann gibt es einige nette, stille. Hinter einer schon etwas verfallenen Mauer erwartet uns immer eine Beagle-Mischung mit lockigem Fell. Wenn er uns sieht, läuft er zu einem Ziegelloch und blickt uns an. Dann kann man ihm durch das Gitter die Nase kraulen. Er ist wohl schon ziemlich alt. So wie der Mann, der hinter der Mauer auf seiner Terrasse sitzt und zu uns herübernickt.

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Ein paar Häuser weiter hat immer ein Collie hinter dem Gitterportal Wache gestanden. Er sieht aus wie Lassie. Und so fröhlich und zutraulich wie sein Fernseh-Double hat er uns immer angestrahlt, ohne einen Mucks von sich zu geben. War das sein Fehler? Denn seit Anfang des Jahres hat er Gesellschaft bekommen. Der schwarze süße Schäferhundrüde hat vom ersten Tag an ordentlich Lärm gemacht. Inzwischen ist er schon ziemlich groß und gar nicht mehr so süß, wenn er durch die Gitterstäbe sein Maul aufreißt und bellt. Der Collie lässt seinem neuen Gefährten seither vorne am Tor den Vortritt. Und dabei beobachtet er ihn mit großen Augen. Ganz so, als fragte er sich jedes Mal, wofür dieses Theater eigentlich gut sei. Lassie war ja schon immer ein kluger Hund!

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