Auf dem Samstagsmarkt in Apt, 14. März 2020

 

Der Wochenmarkt in Apt ist einer der ältesten in der Provence. Auf jeden Fall gilt er als einer der lebendigsten und schönsten, weshalb sich ein Ausflug nach Apt an einem Samstagvormittag immer lohnt. An einem frühen warmen Märztag in einer Zeit, in der die Welt nur über das Coronavirus spricht, ist der Markt allerdings eher ungewöhnlich still.

Im Sommer soll es in den engen Gassen der Altstadt von Apt kaum ein Durchkommen geben. Bis zu 350 Händler bauen dann ihre Stände auf, an denen sich die Menschen vorbeidrängen. Wer es beschaulicher liebt, kommt im Winter, wenn sich die Stille und Entspannung wie eine Wolke über die Provence legen. Doch mit der warmen Frühlingssonne kommt langsam wieder Leben ins Land. Und auf den Samstagsmarkt in Apt. Entlang der Boulevard Maréchal Foch und auf dem Platz vor dem Rathaus stehen schon wieder viele Gemüse- und Obststände, es gibt Fisch und Meerestiere, Blumen, Fleisch, Wein und Kräuter und Spezialitäten der Provence. Es wird Frühling: Der erste grüne Spargel kostet sechs Euro das Bund, die ersten Erdbeeren aus Carpentras sind tiefrot. In den Cafés und Bistros auf der anderen Straßenseite sind alle Plätze in der Sonne besetzt, die Kellner servieren zur Mittagsstunde Rosé und Oliven.

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Apt ist in der Welt der Delikatessen für seine kandierten Früchte bekannt. Der Markt ist einer der ältesten der Region, schon seit dem 16. Jahrhundert ist er bezeugt. Er schlängelt sich durch alle Gassen des malerischen Städtchens. Vor der ehemaligen Kathedrale Sainte Anne erklingen mittelalterliche Flötentöne, dort verkauft ein Händler bunte Tücher. Die Kathedrale ist eine der ältesten im ganzen Westen, ihr Bau begann bereits im 11. Jahrhundert. In ihr mischen sich romanische und gotische Stilelemente, immer wieder wurde sie umgebaut und erweitert. Zudem beherbergt die Kirche einen wertvollen Schatz, den Anne von Österreich, die Ehefrau von Ludwig XIII., 1660 bei einer Wallfahrt nach Apt mitbrachte. Als Dank dafür, dass ihr Kinderwunsch in Erfüllung gegangen war, schenkte sie der Kirche unter anderem ein im 11. Jahrhundert gewebtes, mit Goldfäden und Seide besticktes Leinentuch, das zu den ältesten der Welt gehört. Der „Schleier der hl. Anna“ war möglicherweise ein ehemaliger Prunkmantel eines nordafrikanischen Kalifen, den Kreuzfahrer mit nach Europa gebracht haben sollen. Doch vor der Krypta hängt ein Schild: Nach Verwüstungen in den historischen Räumen kann man die historischen Räume nur noch im Rahmen von Führungen besichtigen. Schade.

Im Schaufenster einer Bäckerei gegenüber der Kirche sitzt schon ein Osterhase dekorativ im Stroh. Gegen Mittag beginnen die Händler, ihre Waren langsam einzuräumen. Eine Frau mit bunt gepunktetem Kostüm und selbstgenähtem Mundschutz kommt uns entgegen. An einem kleinen Stand verquirlt ein afrikanischer Verkäufer eine gelbe Flüssigkeit in großen Glasballons, „afrikanischer Drink“ steht auf seinem Schild. „Gut gegen Corona“ ruft er den Passanten zu und die Menschen lachen. Der Käseverkäufer hat gute Laune und scherzt mit seinen Kunden. Ja, es seien spürbar weniger Menschen auf dem Markt, sagt er auf Nachfrage. Le virus.

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Wir finden noch einen freien Tisch im Bistro gegenüber dem Rathaus. Am Tisch nebenan begrüßt ein junges Paar eine Frau, die sich zu ihnen setzt. „Bisous?“ – „Gibt man sich noch Küsschen?“, fragt die Frau, und ihre Freunde finden die Frage lustig. Natürlich! Der Kellner bringt Rosé-Wein und stellt eine Schüssel Erdnüsse dazu. Die Sonne scheint warm, die Vögel zwitschern, es fühlt sich alles gut an. Am Tisch dahinter sitzt ein Mann und liest die „Libération“. Sie berichtet auf der ersten Seite über den Kampf gegen das Coronavirus. Die Titelzeile: „Le jour d’avant“ – „am Tag davor“.

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Das war gestern. Am Tag danach ist alles anders. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, doch die Straßen sind leer. Die Restaurants und Bistros bleiben ab sofort geschlossen, auf dem Sonntagsmarkt in L’Isle sur la Sorgue dürfen nur noch Lebensmittelhändler verkaufen. Vor der Bäckerei-Tür eine lange Schlange, die Verkäuferin mit Mundschutz reicht die Baguettes durch die Tür nach draußen. Ein anderer Tag, ein anderes Leben.

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