Auf den Spuren von Albert Camus in Lourmarin, Oktober 2020

 

„Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde.“ Ein Satz, wie er gemeißelt steht für diese Zeit. Aber er ist viel älter, dieser Satz. Albert Camus hat ihn geschrieben, und nicht Corona, sondern die Pest hatte er dabei im Blick. Camus beschreibt einen Pestausbruch und den daraus folgenden Ausnahmezustand in der algerischen Hafenstadt Oran mit all den Erscheinungen, die wir heute aus dem Coronajahr 2020 kennen: Tod und Sterben, Quarantäne, Angst und Ohnmacht, die Suche nach einem Impfstoff, Scharlatane und Solidaritätsappelle, rationale Mediziner und irrationale Propheten. Dabei verstand Albert Camus sein Werk eigentlich als Sinnbild für die „braunen Pest“, die Nazi-Besatzung Frankreichs.

Dennoch: „Die Pest“, 1947 erschienen, war 2020 plötzlich wieder vergriffen. Der Schriftsteller bekam für sein literarisches Werk 1957 den Literaturnobelpreis. Von dem Preisgeld kaufte er sich ein Haus nicht weit entfernt, in Lourmarin. Nur zwei Jahre lebte er dort, er starb 1960 bei einem Autounfall, seither ruht er in der Erde dieses provenzalischen Bergdorfes. Ein Grund, ihn in Lourmarin mal zu besuchen.

Die meisten Besucher kommen freitags: Dann ist Markt. Die Stände stehen zu beiden Seiten unter den großen Platanen auf dem Boulevard du Rayol. In Corona-Zeiten wurde der Markt entzerrt und reicht nun fast bis vor das prächtige Renaissance-Schloss am Ortsausgang. Es gibt alles, was das Herz begehrt: Olivenöl, Wein und Käse, Stoffe und Seifen, Nougat und Marmeladen, Salami und Trüffel, Obst und Gemüse. Der Markt von Lourmarin gilt als einer der schönsten in der Provence. Und der Blick auf die Preisschilder zeigt: Schönheit hat ihren Preis…

Ansicht

Auf dem Place Henri Barthelemy drängen sich spätestens ab der Mittagsstunde die Menschen in den Bistros und Restaurants, die den Platz umgeben: Mit vollen Tellern und bei einem Glas Wein beobachten sie, wie nach und nach die Markthändler ihre Stände wieder abbauen. Wir haben weiter im Ort noch einen freien Tisch vor dem Café Gaby am Place Ormeau gefunden. Dort kann man gut beobachten, wie Einheimische und Besucher die Hauptstraße entlangschlendern und rot-weiß-getigerte Katzen auf den Terrassen herumlümmeln. Gegenüber, im Café de l’Ormeau, soll Camus oft morgens bei einem Kaffee die Zeitung gelesen haben.

Innenstadt

An unserem Nebentisch haben sich vier Bauarbeiter niedergelassen. Sie bestellen Aioli, ein typisch provenzalisches Gericht mit Kartoffeln, Blumenkohl, Gemüse, Seeschnecken, einem Kabeljau-Filet und der herrlichen namensgebenden Knoblauch-Creme. Dazu gibt es einen halben Liter Rosé-Wein und nach dem Dessert noch ein Café – so sieht eine südfranzösische Mittagspause aus. Lourmarin ist ein Bilderbuchdorf und gilt als eines der schönsten von ganz Frankreich. Die schmalen Gassen laden mit vielen kleinen, individuellen Geschäften und Kunstgalerien, schönen Renaissancefassaden und Brunnen zum Bummeln ein. Der Wehrturm mit der großen Uhr, der das Dorf überragt, wurde auf den Grundmauern einer mittelalterlichen Festung gebaut. Einheimische nennen ihn „boite à sel“, Salzdose, denn er ähnelt einem Salzgefäß, das früher in vielen provenzalischen Küchen stand. In der romanischen Kirche Saint-André et Saint-Trophime aus dem 12. Jahrhundert scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Der Kirchenraum ist karg, kalt und dunkel. Nur hinter einer Madonnenfigur an der Seite malt die Sonne durch die bunten Kirchenfenster rote, gelbe und blaue Lichtreflexe auf die Mauersteine.

Kirche

Die Pforte zur Seitenkapelle ist geschlossen, durch das Gitter ist die Weihnachtskrippe zu sehen. In einem der Häuser in der Rue Albert Camus hat der Schriftsteller einst gewohnt. Seine Tochter Catherine lebt immer noch dort, deshalb gibt es kein Hinweisschild. Ein paar ausgetretene Stufen führen hinauf zu einer Holztür, so hatte ich es irgendwo gelesen: Aber das trifft auf viele der Häuser in der Gasse zu. Einer provenzalischen Zeitung erklärte die Tochter einmal, was ihr Vater an dem Haus und an Lourmarin so geliebt habe: die Aussicht. Von dort aus habe er über die Berge hinweg gesehen bis zum Mittelmeer, und über das Meer hinweg bis nach Algerien, dem Land seiner Kindheit.

Straße

Das erste Mal kam er, um seinen Freund, den Schriftsteller Henri Bosco, zu besuchen. Er verliebte sich in das Bergdorf. 1946 notierte er in seinem Tagebuch: „Lourmarin. Der erste Abend nach so vielen Jahren. Der erste Stern über dem Luberon, das gewaltige Schweigen, die Zypresse, deren Wipfel in der Tiefe meiner Müdigkeit bebt. Ein Land, feierlich und herb – trotz seiner überwältigenden Schönheit.“ (zitiert aus der Biographie von Iris Radisch, Albert Camus – Das Ideal der Einfachheit)

Mit dem Nobelpreisgeld kaufte er sich dann später das Haus in der Straße, die heute nach ihm benannt ist. Zwei Jahre später war er tot – Silvester hatte er noch mit Michel Gallimard, dem Neffen seines Verlegers, in Lourmarin gefeiert. Doch statt danach mit seiner Familie den Zug nach Paris zu besteigen, entschied er sich, den Freund im Auto zu begleiten. Der Wagen kam ins Schleudern, der Hinterreifen platzte und das Auto prallte an einen Baum. Albert Camus war an diesem 4. Januar 1960 mit 46 Jahren sofort tot; in seinem Koffer lag die ungenutzte Fahrkarte. Es soll Gerüchte gegeben haben, wonach das Auto manipuliert worden sein soll, aber das wurde nie geklärt. Eine tragische Geschichte, wie er sie nicht besser hätte schreiben können.

Grab

Schlicht, nüchtern und bescheiden ist sein Grab auf dem Friedhof, „Albert Camus 1913 1960“ ist auf der Grabplatte zwischen struppigem Grün unter einem großen Orleanderbusch eingraviert. Besucher haben kleine Steinchen danebengelegt und Kugelschreiber. Im Grab daneben ist Camus’ Frau beerdigt, „Madame Albert Camus“, geborene Francine Faure.

Und ein bisschen weiter den Weg hinunter liegt sein Schriftstellerfreund: Henri Bosco (1888-1976). Nur eine Granitplatte, die Inschrift ist völlig verblichen und kaum noch zu lesen. Dorthin scheint es nicht so viele Besucher zu ziehen. Dazwischen reihen sich die gewaltigen Grabplatten provenzalischer Familien, von Plastikblumen und Engelfiguren geschmückt. Nicolas Sarkozy wollte als Präsident 2009 Albert Camus umbetten lassen in das Pariser Panthéon, unter Seinesgleichen, Seite an Seite mit anderen großen Philosophen- und Schriftstellerkollegen. Aber Camus’ Sohn stellte sich quer. Nun ruht Camus also weiter auf dem kleinen Dorffriedhof in karger Erde, unter dem blauen Himmel und im Lichte der gleißenden Sonne der Provence.

 

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