Fischerfest in L'Isle sur la Sorgue, Juli 2019

 

L’Isle-sur-la-Sorgue ist ein Ort am Fluss. Die Sorgue schlängelt sich durch das Städtchen, das als Klein Venedig der Provence bekannt ist. Ausgediente Wasserräder drehen sich malerisch für die Fotos der Touristen. Früher war L’Isle ein reiner Fischerort. Bis weit ins Mittelalter lebten die Menschen vom Fischfang, sie zogen Forellen, Elritzen und Aale aus dem frischen Wasser, das nur fünf Kilometer entfernt aus einer Quelle entspringt. Vor allem Flusskrebse sicherten den Lebensunterhalt: Zu zehntausenden wurden sie täglich aus der Sorgue gefischt, bis Ende des 19. Jahrhunderts eine Epidemie die Krebspopulation vollkommen vernichtete. Wenn diese alten Zeiten und ihre Traditionen in L’Isle wieder lebendig werden, dann dank der Fischerbruderschaft. Am dritten Sonntag im Juli feiert sie ihr Fischerfest.

Einen Vorgeschmack, was uns an diesem Vormittag erwartet, bekomme ich schon morgens in der Bäckerei: Eine junge Frau in langem Rock, adretter Schürze und Bluse, die langen Haare zum Dutt hochgesteckt, steht vor mir in der Schlange. Ein bisschen aus der Zeit gefallen, die Gute, denke ich. Zwei Stunden später sehe ich sie wieder und wundere mich nicht mehr: Mit anderen Frauen, alle in langen Kleidern und Röcken, steht sie am Sorgue-Ufer. Daneben stehen die Männer, in schwarzen Hosen und weißen Hemden, mit breiten Flanellgürteln und Filzhüten, und ziehen die traditionellen Flachbarken aus dem Wasser. Wie ein historisches Gemälde malt sich diese Szene in den Kopf, wie der große Chor einer historischen Oper stehen die Fischer und ihre Frauen dort. Und so wirkt es gar nicht merkwürdig, als alle tatsächlich beginnen, provenzalische Lieder zu singen. Das ist allerdings erst zu Ende dieser historischen Inszenierung im Wasser.

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Fischen wie in alten Tagen (Pêche d’Antan) heißt zum Fischerfest das Motto. Seit 1977 organisiert die Bruderschaft der Fischer von L’Isle sur la Sorgue das Spektakel, um die alten Traditionen wach zu halten. Und so holen die Männer der Stadt, die heute vielleicht in Banken, im Handwerk, im Tourismus ihren Lebensunterhalt verdienen, die Fischerutensilien hervor, die sie auf Speichern und in alten Fischerhütten gefunden haben, und zeigen, wie ihr Vorfahren einst für ihr Auskommen sorgten. Ihre Boote, die Flachbarken, werden, Nego-Chin genannt, was auf Provenzalisch so viel wie „Hundeertränker“ heißt. Die verschiedenen Netze, der Dreizack mit den sieben Armen und die Flasche für die Elritze sind heute längst verboten, doch für die historische Demonstration gibt es Ausnahmeregelungen. Mit jeder Forelle, mit jedem Aal, auch für die beiden kleinen Flusskrebse, die aus den Netzen und Reusen gezogen werden, gibt es Applaus.

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 Und schließlich demonstriert der Nachwuchs, wie man im kniehohen Wasser mit der Hand die Forellen aus dem Flussgras aufscheuchen und fassen kann. Unter lautem „ooohhh“ und „aaahhh“ wirft sich eine junge Frau im Kampf mit dem Fisch sogar kopfüber ins Wasser, bis sie triumphierend ihren Arm mit dem zappelnden Fisch hochreckt. Dafür gibt es einen Extra-Applaus. In ihrem nassen Kleid, ihr roter Lippenstift ist wasserfest, trägt sie dann nach der Gesangseinlage die Körbe, in denen die Forellen auf Flussgras und Eis liegen, zu dem alten Karren, mit dem die Prozession der Fischer durch die Stadt zieht. Vorneweg die Kinder mit den Bannern der Bruderschaft und die Männer mit dem Dreizack. Dann kommen die Männer, die die Schutzpatronin der Fischer tragen: Die Statue der „Notre Dame de la Sorguette“, die sonst ihren Platz in einer Kapelle der Stiftskirche hat, ist für diesen Anlass blumengeschmückt.

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Die Prozession schlängelt sich bei 33 Grad durch die gesamte Innenstadt zur Kirche. Wer jemals im Sommer den provenzalischen Sonntagsmarkt in L’Isle-sur-la-Sorgue besucht hat, weiß, wie eng und quirlig es dann auf allen Straßen zugeht. Überall sind Marktstände aufgebaut, und die Waren wetteifern in ihren Farben und Düften miteinander: von Gemüse, Seifen, Oliven, Gewürzen, Lavendel, Konfitüre, Blumen, Lederwaren bis hin zu Kleidung und Kunsthandwerk findet sich alles, was der Provence-Besucher sich wünscht. Und mitten durch die Menge schiebt sich nun diese seltsame Prozession zunächst zum Rathaus. Dort wartet der Bürgermeister schon mit vielen Fotografen, um traditionell seine Forelle in Empfang zu nehmen.

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 Bis zur Kirche ist es dann nicht mehr weit. Die Männer postieren die Statue der Patronin in den Chorraum, und die Frauen tragen die mit Fischen gefüllten tropfenden Körbe zu den Altarstufen. Große Pfützen mit Wasser und Flussgras bilden sich im Mittelgang. Dicht gedrängt verfolgen die Menschen vor dem Altarraum, wie der Pfarrer seinen Segen spricht und die Fische mit Weihwasser besprenkelt. Dazu singt der Kirchenchor provenzalische Lieder – und viele der Zuschauer stimmen mit ein. Zum Schluss wird es noch mal drängelig. Denn darauf haben wohl alle gewartet: Von jeher werden die Fische, die an diesem Tag gefangen wurden, an das Volk verteilt. Wir stehen mitten in der Menge, um besser sehen zu können, und unverhofft drückt uns einer der Fischerbrüder eine Tüte in die Hand. Zwei Forellen dürfen wir mit nach Hause nehmen. Mit frischen Kräutern gefüllt und mit Zwiebeln und Knoblauch gebraten, sind sie ein besonderes Geschenk dieses Tages.

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