L’Isle sur la Sorgue, Januar 2025
Reisegeschichten sind Lebensgeschichten. Jahre reihen sich aneinander, Menschen kommen und gehen, Geschichten, Ereignisse. C’est la vie. So ist es nun mal. Sagt man so einfach, aber ich tue mich schwer, wenn ich am Haus unserer Nachbarin Jacqueline vorbeigehe und die Läden verschlossen sehe.
Morgens mit den ersten Sonnenstrahlen stand sie für gewöhnlich auf. Wenig später hörten wir sie in ihrer Küche, sie schob den Stuhl über den Küchenboden, dass wir das Schaben bei uns hörten. Unsere Häuser teilen sich eine Mauer. Eine kleine, agile Frau, das war Jacqueline, die grauen Haare waren manchmal nach einem Besuch bei der Friseurin ein bisschen rosa oder lila. Letztes Jahr wurde sie 80 Jahre alt und lud Söhne, Enkel, Geschwister, Verwandte mittags zum Essen in ein Restaurant. Die Familie schenkte ihr ein Ticktet für Holiday on Ice, eine kleine goldene Kette und einen neuen Sessel, in dem sie sich nach hin kippen lassen konnte, mit den Beinen nach oben. In diesem Sessel setzte sie sich an einem Sonntag vor Weihnachten und stand nicht mehr auf.
Hat sie noch unser kleines Weihnachtspäckchen ausgepackt? Oder lag es noch ungeöffnet auf ihrem Tisch? Wir werden es nicht erfahren. Mittlerweile stehen die Autos der beiden Söhne vor der Tür, mit Anhängern, sie tragen Möbel und Kisten aus dem Haus. Irgendwie macht meine Wahrnehmung einen Sprung, ich bekomme das leere, bald ausgeräumte Haus nicht mit meinem Gefühl zusammen, dass Jacqueline noch da ist. Oft wuschelte sie auf der Terrasse und durch ihren Garten, so dass wir sie auf unserer Terrasse hören konnten. Eine dicke Kirschlorbeerhecke trennt unsere Gärten voneinander, mit den Jahren wurde die Hecke immer höher, im vergangenen Jahr verpassten wir ihr einen Radikalschnitt. Seither sehen wir wieder die Kronen der Obstbäume in Jacquelines Garten. Zu unserer Terrasse hin hat die Hecke in lichtes Loch, dort haben wir uns immer durchs Grün hinweg miteinander unterhalten, von ihr war nur der graue Schopf zu sehen.
Am prägnantesten war wohl ihre Stimme. Hoch, quietschig irgendwie und schrill. Eine Stimme, die nie überhört wurde. Und sie sprach schnell, schneller als alle Französinnen, die wir kennen. Im Gespräch musste sie sich dann immer selbst bremsen, wenn sie unsere verständnislosen Blicke sah, „doucement“ sagte sie, dann sprach sie für einen kurzen Moment ganz bewusst langsam, betonte jeden Satz und fragte: compris?
Wenn wir sie nicht auf ihrer überdachten Terrasse oder im Garten sahen, dann begegneten wir ihr oft hinter dem Haus, im Gemüsegarten bei den Hühnern. Bis zuletzt machte sie alles allein, sie nahm ihre Kettensäge und beschnitt die Hecke, die Bäume, sie mähte ihren Rasen. Jacqueline hatte einen grünen Daumen, in ihre Erde wuchsen herrliche Erdbeeren, Artischocken, Tomaten rankten an den Stäben hinauf. Manchmal stellte sie uns ein Früchtekörbchen vor die Tür mit Kirschen oder gelben Pflaumen. Und im Februar, wenn der Mimosenbaum vor ihrem Haus blühte und wir seine gelbe Pracht bewunderten, schnitt sie uns ein paar Zweige ab, aber auf unserem Küchentisch waren die kleinen wuscheligen Blütenkugeln schon nach zwei Tagen verblüht.
Viele Freunde kamen bei ihr zu Besuch. Wir spielten bei ihr Boule mit allen Nachbarn. Und wenn es bei uns mal lauter geworden war und wir sie darauf ansprachen, sagte sie immer: Ihr könnt nicht laut genug sein! Sie war froh, um sich herum Leben zu hören.
Regelmäßig bekochte sie ihre Gäste. Und: Sie war eine wunderbare Köchin! Sie liebte es wohl, in großen Töpfen zu rühren, sie kochte in der Winterzeit gerne Daube de Boeuf, eine Art provenzalisches Gulasch, und Soupe au Pistou, die traditionelle Gemüsesuppe. Doch was wohl alle am meisten mit ihr verbinden, sind die Sacristains. Die gedrehten Blätterteigstangen mit Mandeln, eine regionale Spezialität, brachte sie zu jeder Einladung, zu jedem Besuch mit. Einmal durften wir ihr beim Backen zuschauen, denn lange Erklärungen waren nicht die Sache von Jacqueline: Man lernt durch die Praxis, sagte sie. Mit schnellen geübten Handbewegungen rollte sie den Teig aus, zerschnitt ihn und drehte die Röllchen.
Frisch waren die Mandelstangen ein Genuss, ganz leicht und knusperig. Für uns werden es immer die Sacristains à la Jacqueline bleiben – ihr zum Gedenken.
Sacristains à la Jacqueline
1 Rolle Blätterteig mit Butter (als Fertigteig) ca 125 g Puderzucker Eiweiß von 1-2 Eiern 1 Packung Mandelblätter
Teig dünn ausrollen mit etwas Mehl, in Streifen schneiden. Puderzucker mit dem Eiweiß vermischen und auf jedem Rechteck mit einem Löffel verteilen. Dann die Mandelblätter darauf verteilen. Jedes Rechteck an den Enden festhalten und in entgegengesetzter Richtung drehen, sodass eine Art gedrehte Kordel entsteht. Mandelstangen auf dem mit Backpapier ausgelegten Backblech legen, 20 Minuten kühl stellen, dann im Ofen für etwa 10 Minuten bei 200 Grad backen. Abkühlen lassen. Noch etwas Puderzucker über die Stangen verteilen.