In der Ausgehsperre, März 2020

 

Keine Reisegeschichte. Die Menschen reisen nicht mehr. Sie verlassen ihre Häuser nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Draußen lauert die Gefahr wie ein unsichtbarer Belagerer, und drinnen hockt die Angst und wartet, dass der Feind abzieht. Und doch eine Reisegeschichte: Wenn das Leben eine einzige Reise ist, dann birgt auch dieser unvorhergesehene Halt viel Erzählenswertes. Über Hamsterkäufe und Toilettenpapier natürlich!

Wir bewegen uns also kaum, in Frankreich ist seit über eineinhalb Wochen Ausgangssperre. Wenn wir das Haus verlassen, füllen wir vorher eine Bescheinigung aus, mit Datum und inzwischen sogar mit Uhrzeit. Wir können ankreuzen, warum es uns in die gefährliche Außenwelt zieht. Weil wir zum Beispiel dringend einkaufen müssen oder weil unser Hund seinen Bedürfnissen nachkommen muss. Der Gassigang ist inzwischen das Highlight des Tages geworden – eine Stunde und bis zu einem Kilometer rund ums Haus sind erlaubt. Was für ein schönes Gefühl, mal herauszukommen! Die Sonne scheint, die Vögel übertrumpfen sich gegenseitig, es wuchert und sprießt und duftet nach weißen Blüten. Es wird Frühling, und wir verpassen den Großteil des Schauspiels. Die Straßen sind menschenleer. Wenn uns doch mal jemand entgegenkommt, bleibt jeder für sich auf seiner Seite und wir grüßen uns irgendwie verschwörerisch.

Wenn wir „Einkaufen“ ankreuzen, fahren wir zum Supermarkt. Die Märkte wurden mittlerweile, wie alle Geschäfte und Restaurants, geschlossen. Aber die Supermärkte haben wie bisher geöffnet. Manchmal muss man draußen in der Schlange warten, bis man auf Abstand hineingelassen wird. Die Supermärkte hatten – unabhängig von der Coronakatastrophe – gerade umgebaut, modernisiert und ihre Produkte gerade neu geordnet und gruppiert. Deshalb müssen wir noch viel suchen und herumlaufen, bis wir unsere Einkaufsliste abgearbeitet haben. Überall stehen Mitarbeiter mit Desinfektionsmitteln und wischen hinter uns her, als gelte es, alles steril zu halten. Dass die Menschen nur noch mit Mundschutz und Handschuhen aus dem Haus gehen, an diesen Anblick habe ich mich fast schon gewöhnt.

In den ersten Tagen haben wir tatsächlich sogar leere Regale gesehen. Nein, nicht beim Toilettenpapier! Und auch beim Rotwein herrscht – entgegen landläufiger Meinung – noch keine Not. Vollkommen leergeräumt war stattdessen das Nudelregal, und es gab auch keine Handseifen mehr. Aber tatsächlich wird alles schnell wieder nachgelegt. Kein Notstand also. Auch nicht bei den WC-Rollen. Dabei erhalten wir täglich auf dem Handy unzählige lustige Filmchen über den gefürchteten Ausverkauf der bisher eher wenig wertgeschätzten Hygieneartikel. Gestern war es dann tatsächlich so weit: Beim Hundespaziergang sahen wir eine Nachbarin mit drei Paketen Klopapier nach Hause kommen. Ein Ereignis, dem wir früher keine Beachtung geschenkt hätten.

Nun hat das Toilettenpapier in Frankreich offensichtlich einen ganz anderen Stellenwert. Denn wer an weiches, viellagiges WC-Tissue gewöhnt ist, wird meist enttäuscht. Die Franzosen sind eher nicht dafür bekannt, beim Toilettenpapier zu protzen. Qualität beim Essen - ja, bei der Entsorgung der Reste kommt es dagegen anscheinend nicht so darauf an. Zweilagiger, meist farbenfroher, aber wenig saugfähiger Zellstoff ist die übliche Handelsware. Und in dieser Hinsicht erleben wir gerade eher angenehme Begleiterscheinungen der derzeitigen Diskussion. Noch nie war die Auswahl an Toilettenpapier so groß wie jetzt! Und, oh Wunder: Es gibt das WC-Tissue jetzt sogar dreilagig in Auswahl zu kaufen!

Man muss doch immer das Beste in jeder Situation sehen…

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