Die Weinlese hat begonnen, September 2020

 

Wenn ich an Hamburg denke? Dann sehe ich den Hafen oder den Michel. Ich höre Schiffssirenen. Es duftet zimtig nach frischen Franzbrötchen. Bei ganz viel Heimweh-Blues gehen wir an unseren Vorrat und öffnen ein Glas mit Bismarckhering, dazu gibt es Bratkartoffeln. Das schmeckt irgendwie nach Hamburg. Manchmal trinken wir nach einem guten Essen einen Helbing Kümmel. Ein Labskaus-Fan war ich dagegen nie. Und was gibt es sonst noch für Leckereien, die einen mit der alten Heimat verbinden? Weintrauben jedenfalls nicht. Umso erstaunter stand ich jetzt im Supermarkt vor den großen, dunkelblauen und glänzenden Trauben einer Rebsorte mit dem schönen Namen „Muscat de Hambourg“. Denn für seine Weine ist Hamburg ja nun wahrlich nicht bekannt.

Die Tafeltrauben schmecken herrlich fruchtig und sind sehr saftig! Wohl auch deshalb sind sie in Frankreich so beliebt. Ihre Geschichte jedoch gibt Rätsel auf. Den meisten Quellen im Internet zufolge ist der Muscat de Hambourg eine Kreuzung der Rebarten Muscat d’Alexandrie, einer Weißtraube, mit einem dunklen Frankenthal, besser als Trollinger bekannt. Angeblich soll die Rebsorte seit 1836 in Hamburg in Gewächshäusern angebaut worden sein, daher der Name. Von dort wurde sie nach England und weiter exportiert. Heute wird Muscat de Hambourg als Tafeltraube in vielen Ländern der Erde angebaut, in den USA zum Beispiel als „Black Hamburg“. Für Qualitätswein scheint die Traube allerdings nicht geschaffen, wenn es auch einige Versuche in dieser Richtung gibt – so ist ein kalifornischer Dessertwein aus der Rebsorte als exotisch begehrt.

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Weinanbau in Hamburger Gewächshäusern, das klingt dennoch merkwürdig. Angeblich soll früher auf den Elbhängen der Hansestadt sogar richtig Wein angebaut worden sein, aber selbst dafür finde ich keine richtigen Beweise. Aber natürlich gab es in den vergangenen Jahren in Hamburg einen kleinen Weinberg. Einer der nördlichsten in Deutschland! Die Hamburger Bürgerschaft ließ ihn 1995 mit 50 Rebstöcken am Stintfang oberhalb der St. Pauli-Landungsbrücken anlegen. Die Weinstöcke der Rebsorten Regent und Phoenix waren ein Geschenk der Wirte des „Stuttgarter Weindorfes“, das früher den Hamburger Rathausmarkt im Sommer für einige Wochen in eine schwäbische Schlemmermeile verwandelt hat. Der „Stintfang Cuvée“ wurde als besondere Rarität an Gäste der Stadt verschenkt. Bei guter Ernte konnten 40 bis 50 Flaschen jährlich abgefüllt werden. Aber Vögel und andere Leckermäuler machten sich immer wieder in dem Weinberg zu schaffen. In einigen Jahren fiel die Lese komplett aus, weil fast alle Trauben schon vorher gestohlen worden waren. Für Bauarbeiten am Bahnhof Landungsbrücken wurde der Weinberg dann im vergangenen Jahr gerodet, er soll in ein paar Jahren wieder neu erstehen.

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Muscat de Hambourg würde sich dann als Rebsorte gut anbieten! Zu all den schönen Dingen, die mich an Hamburg erinnern, kommt nun auch eine Weinranke, die wir in unseren Garten gepflanzt haben. Wir konnten einfach nicht widerstehen, als wir sie im Laden sahen. Wenn sie und ihre Gefährtin, eine Muscat d’Alexandrie, gut wachsen, dann beschatten die beiden hoffentlich in ein paar Jahren als Weinlaube unsere Terrasse. Da werden wir dann sitzen, in die vollen Trauben greifen, die über unseren Köpfen wachsen – und an Hamburg denken.

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