Sommerzeit ist Zikadenzeit, Juli 2020

 

Wenn die Provence eine Farbe hat, dann ist es natürlich lavendellila. Einen Duft? Lavendel, Thymian und Rosmarin! Und ein Geräusch? Keine Frage – es ist der Gesang der Zikaden – „le chant des cigales“ -, der sich mit dem sommerlichen Süden verbindet. Für viele Ohren klingt dieses Geräusch allerdings gar nicht nach Gesang, sondern einfach nur nach Lärm.

Und wirklich: Melodisch ist das Zirpen nicht. Es erinnert an ein schräges Rasseln, an ein gewaltiges missgestimmtes Zupforchester. Wie kann ein kleines Insekt so viel Getöse fabrizieren?! Sobald das Thermometer auf mindestens 25 Grad gestiegen ist, geht es los. Nur in der kühlen Nacht wird es dann wieder still. Denn der schrille Gesang ist von der Temperatur und vom Licht abhängig: Wenn es warm genug ist, sind die Trommelorgane des Zikadenmännchens weich und biegsam genug für den Paarungsgesang, der die Weibchen anlocken soll. Die so produzierten Schallwellen sind als Zirpen wahrnehmbar. Das gilt jedenfalls für die Singzikaden, denn der Gesang der meisten Zikadenarten (weltweit soll es über 45000 geben!) ist für den Menschen gar nicht hörbar.

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Je wärmer es wird, desto lauter werden die Zikaden. In gewisser Weise ist der Gesang der kleinen Quälgeister wie ein Tinnitus: Wenn man sich daran gewöhnt hat, hört man ihn gar nicht mehr bewusst. Zu sehen sind die scheuen Wesen dagegen eher selten, sie passen sich gut an ihre Umgebung an und verstummen, wenn sie Gefahr wittern. Leicht zu finden sind dagegen die Larvenhüllen, aus denen die jungen Zikaden geschlüpft sind. Sie kleben an den Bäumen, am Gitterzaun, an den Stuhlbeinen unter der Kiefer im Garten.

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Die Larvenhüllen markieren den letzten Lebensabschnitt der Zikaden. Denn die allermeiste Zeit ihres Daseins verbringen sie in der Erde. Bis zu sieben Jahre vegetieren sie im Dunkeln, ernähren sich vom Saft der Pflanzenwurzeln und durchlaufen dabei verschiedene Larvenstadien, von der Larve bis zur Zikade. Wenn es so weit ist, verlassen sie das Erdreich, um sich in der grellen Sommersonne fortzupflanzen. Dafür bleiben ihnen nur ein paar Wochen. Manche leben nur einen Tag, erzählt eine Nachbarin.

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Was für ein seltsames Leben! Und was für ein seltsames Tier: Ganz zart und grün sieht eine frisch geschlüpfte Zikade aus. In der Sonne verfärbt sie sich danach in wenigen Stunden braun. In der Provence findet man sie indes in allen Farben, in rot, grün, gelb, orange – aus Keramik, als Briefbeschwerer und Kühlschrankmagnet. Eine Zikade über der Tür heißt Gäste willkommen.

Doch nicht alle Gäste können sich beim Gesang der Zikaden entspannen. Touristen aus Paris forderten vor zwei Jahren den Bürgermeister des Städtchens Le Beausset bei Toulon mehrmals auf, die Bäume seines Ortes mit Gift zu traktieren, weil die Zikaden in ihren Ohren „so aufdringlich laut“ seien. Im Radiosender „France Bleu“ wetterte der Bürgermeister über diese Anmaßung: Die Zikaden gehörten nun mal zur Provence, wem das nicht gefalle, solle gefälligst zu Hause bleiben.

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