Ein Wochenende in Nordspanien, Juli 2018

 

Wie frei man eigentlich ist, merkt man erst, wenn man über Grenzen geht. Selbstverständlichkeiten sind woanders eben gar nicht so selbstverständlich. „Es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis“, sagte Albert Camus. Wenn man zudem nicht die gleiche Sprache spricht, wird es mit dem Verständnis nicht gerade leichter. Eine Lehrstunde dazu haben wir in Bilbao erhalten. 

Wir sind zum ersten Mal in Bilbao. Mit dem Wohnmobil erklimmen wir in Serpentinen den Monte Kobeta. Auf dem Gipfel bietet der Autocaravaning-Stellplatz Kobetamendi einen gigantischen Blick über die Stadt. Eine Kurve vor der Einfahrt ist die Haltestelle, von der aus der Bus direkt ins Stadtzentrum fährt. Wie praktisch: Wir schließen das Mobil ab und machen uns auf den Weg. Es ist Sonntag, die Sonne scheint, doch im Bus lässt uns die Klimaanlage frieren. Nur Willi, unser Vierbeiner, genießt es, sich mal wieder in der Kühle unter dem Sitz auszustrecken. Als norddeutsche Großstädter, die den Hamburger Nahverkehr gewohnt sind, hatten wir nicht mal gefragt, ob der Hund extra kostet. Der Busfahrer nimmt keine Notiz von ihm. Ebenso komplikationslos ist am Abend unsere Rückfahrt.

Am Sonntag sind die Geschäfte in Bilbao geschlossen, eine große Ruhe liegt über der Innenstadt. Umso mehr freuen wir uns am nächsten Tag, die Stadt in vollem Leben kennen zu lernen. Zur Mittagstunde stehen wir wieder an der Haltestelle, der Bus hält. Wir wollen gerade einsteigen, das abgezählte Geld schon in der Hand, doch der Busfahrer schiebt uns mit einer energischen Geste zurück: „No perro!“ Unsere Spanisch-Kenntnisse sind wie gesagt begrenzt, mit gracias, buenos dias und adios haben wir schon fast alles gesagt. Aber soviel ist klar, es geht um den Hund: Der Busfahrer zeigt auf Willi, gestikuliert wild und wiederholt mantraartig „no perro“. „Box“ verstehen wir außerdem noch. Da hilft nur selbstbewusstes Auftreten: „I want to talk to your boss, please give me the number!“ Doch der Mann lässt sich nicht einschüchtern, er schließt einfach die Bustüren.

Der nächste Bus kommt erst eine halbe Stunde später. Und die Mittagshitze treibt uns den Schweiß auf die Stirn. Statt zu warten, machen wir uns schon mal zu Fuß auf den Weg. Der kürzeste Weg den Berg hinunter führt über endlose Treppen zwischen den Wohnblocks des Stadtteils Altamira. Ein gutes Stück tiefer stoßen wir auf eine Straße mit einer Bushaltestelle. Wir warten nur fünf Minuten, dann kommt ein Bus. Unsere Freude schlägt jedoch schnell um: Der Busfahrer ist gleich auf 180 und ruft „no perro!“. So langsam verstehen wir das alles nicht mehr und marschieren wütend in der Hitze weiter den Berg hinunter, bis wir an eine Straßenbahnhaltestelle kommen. Dass der Ticketautomat für uns ein Buch mit sieben Siegeln ist und wir keinen Münzeinwurf finden können, ist eine andere Geschichte. Wir schleichen uns in die Bahn und versteckten Willi unter dem Sitz, bis eine andere Senora mit ihrem Hund zwei Reihen vor uns Platz nimmt.

Was macht man, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Man sucht nach Klärung. In unserem Fall in der Touristen-Info am Bahnhof. Dürfen Hunde in Bilbao nicht Bus fahren? Doch, das ist  kein Problem, sagt die Frau am Schalter auf Englisch. Warum nehmen uns die Busfahrer dann nicht mit? Was ist das für ein Gerede von einer Box? Jetzt wird die junge Frau doch unsicher, rückt ihre Brille zurecht, redet mit dem Kollegen am Schalter nebenan und recherchiert im Internet. Ach ja, tatsächlich, Hunde dürfen nur in einer Transportbox im Bus befördert werden, sagt sie. Und wie sollen wir uns in Bilbao bewegen und auf den Berg zurückkommen, wenn wir keine Box haben? Die Spanierin drückt uns den Stadtplan in die Hand, auf der letzten Seite stehen die Taxizentralen. Zwei Telefonnummer unterstreicht sie: „Die rufen Sie an.“ Na, dann ist ja alles gut.

Es wird dennoch ein schöner Nachmittag in Bilbao. Wir entdecken eine tolle Tapas-Bar, und nach der ganzen Lauferei sind wir wirklich hungrig und lassen uns an einem der Tische vor dem Lokal nieder. Zur frühen Abendstunde machen wir uns auf den Rückweg und unternehmen einen letzten Versuch mit dem Bus – vielleicht haben wir doch noch mal Glück? Wir machen einen Plan und teilen uns auf, damit Willi durch die Hintertür geht und nicht gleich gesehen wird. Doch die Busfahrerin hat auch hinten Argusaugen, sie springt auf und ruft durch den ganzen Bus: „Senora…. no perro!“ Versuche, mit ihr auf Englisch zu argumentieren, scheitern. Die anderen Fahrgäste werden ungeduldig und mischen sich, temperamentvoll reden alle auf uns ein. Alles, was wir verstehen, ist „no perro.

Also müssen wir Taxi fahren. Der Taxistand gleich gegenüber am Bahnhof  ist allerdings leer. Die Losverkäuferin daneben kann zwar kaum Englisch, aber sie ist freundlich und will helfen. Gestenreich redet sie auf uns ein. Ihre Botschaft wird langsam klar: No Taxi, strike!

Es gibt Momente, da denkt man, alle haben sich gegen einen verschworen. Dies war so ein Moment, in dem wir gerne mit dem Tourismusmanager, dem Verkehrsminister oder dem spanischen König gesprochen hätten. Stattdessen laufen wir wieder zur Straßenbahn und fahren so weit wie möglich in Richtung Monte Kobeta. Und dann wieder zu Fuß den Berg hoch. Alle Stufen, die wir Stunden früher noch ganz locker herunterliefen, erweisen sich zu später Abendstunde als sportliche Herausforderung.

 Es ist nicht so, dass Bilbao eine hundefeindliche Stadt ist. Auf dem Rückweg begegnen uns an jeder Ecke zwischen den Wohnblocks viele Hunde. Kleine kratzbürstige und große ruppige, und kein einziger von ihnen kommt uns fröhlich entgegen. Vielleicht liegt es daran, denken wir hämisch, weil sie alle nicht Bus fahren dürfen. Und im Nachhinein möchten wir uns gerne noch einmal bei den beiden netten Busfahrern bedanken, die uns am Sonntag einfach so mit unserem Hund im Bus mitgenommen haben. Dieses besondere nette Geste ist uns erst im Nachhinein so richtig bewusst geworden.

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