L'Isle sur la Sorgue, November 2020

 

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Eigentlich wollten wir gar nichts kaufen, als wir sonntagmorgens über den Markt schlenderten und am Töpferstand stehenblieben. Es waren die Farben, die uns verführten: Tassen und Teller, Krüge und Ölfläschen in glänzenden Provence-Schattierungen, in taubenblau, mintgrün, ockergelb. Farben, die von ihnen heraus leuchteten. Dann entdeckten wir den bauchigen Krug in einem kreischendem Grün mit gelbem Farbstich. Wunderschön! Wir wollten nach dem Preis fragen. Und so fing sie an, eine etwas verrückte Geschichte um einen Krug, der uns noch länger beschäftigen sollte.

Die Töpferin war eine ältere burschikose Frau mit kurzen grauen Haaren, salopp gekleidet in Hose und Hemd, die Ärmel aufgekrempelt. Sie stand da zwischen all ihren Kartons, aus denen sie immer wieder Getöpfertes herauskramte und vor sich auf den Tisch stellte. Mittendrin in dem Gewühl lag ihr Hund, ein Boxer, auf einer Decke und döste in der Sonne. Wir warteten, bis wir an der Reihe waren und zeigten auf den Krug. Was kostet er? „Sie haben falsch gefragt“, belehrte uns die Töpferin. Nicht der Preis, sondern die Qualität sei entscheidend - die Form, die Arbeit, die besondere Farbe, das Kunstwerk an sich. Und dann könne man über den Preis nachdenken und ob er gerechtfertigt sei. Die Marktfrau sprühte. Und wir nickten verdattert. So viel war schon mal klar: Kein Preis konnte all diese Faktoren aufwiegen!

Also, 65 Euro sollte das gute Stück kosten. Was uns für eine Vase, die wir ja eigentlich gar nicht brauchten, dann doch etwas zu hochpreisig war. Die Töpferin blickte über ihre Kisten hinweg und zog einen anderen Krug hervor. Opalgrün, nicht bauchig, sondern gerade hochgezogen. Auch schön. Ein Sonderangebot, erklärte sie uns: Eigentlich ein Wasserkrug, aber dafür sei er ein bisschen zu schwer geworden. Also bestens geeignet als Vase. Für nur 32 Euro. Wir wurden uns schnell handelseinig und hatten unerwartet eine Blumenvase mehr. Wir waren gut gestimmt, die Töpferin auch.

Am nächsten Sonntag standen wir wieder vor dem Tisch. Denn im praktischen Test war der neue Krug leider durchgefallen. Ziemlich zügig hatte sich ein Wasserkranz auf der Tischdecke gebildet, und das gelbe Holz der Tischfläche darunter färbte sich durch den Stoff. Das trübte unsere Freude über den Neuzugang ungemein. Die Töpferin indes konnte das nicht erschüttern. Es handele sich schließlich um ein Töpferprodukt, der äußere Bodenrand sei nicht lasiert, das sei nun mal so, erklärte sie. Sie musste allerdings zugeben, dass eine Blumenvase, die ständig Wasser verliert, auch nicht gerade praktisch ist. Aber sie könne das nachbessern, den äußeren Rand lasieren. Wir gaben ihr eine zweite Chance, zwei Wochen später sollten wir den Krug wieder bei ihr abholen. Für alle Fälle schrieb ich ihr meine Telefonnummer auf.

Drei Tage vor dem vereinbarten Termin klingelte mein Telefon. Eine unbekannte Frauenstimme, die sich als Dany vor. Ach ja, die Töpferin. Es gehe doch um den Krug – le pichet. Er sei zwar fertig, aber sie fahre am Sonntag nicht zum Markt. Ob wir nicht stattdessen am Freitag zum Markt nach Lourmarin kommen könnten? Das passte wiederum gar nicht in unsere Pläne, und Lourmarin ist zudem nicht gerade um die Ecke. Wir verschoben unser Treffen noch einmal um eine Woche. „Machen Sie sich keine Sorgen, Sie können mir vertrauen“, sagte Dany. „Den Krug, den bekommen Sie.“ Ihren Telefonkontakt speicherte ich sicherheitshalber ab, unter dem Namen „Dany Pichet“.

Einige Tage später summte mein Handy wieder, Dany Pichet stand auf dem Display. Schlechtes Wetter sei angesagt, sagte die Töpferin, damit falle der nächste Sonntagsmarkt für sie auch wieder aus. Aber sie habe eine Idee: Sie könne den Krug am Freitag in Lourmarin ihrem Nachbarn mitgeben. Das sei der Händler, der schön geschnitzte Produkte aus Olivenholz verkaufe, und der auch auf unserem Sonntagsmarkt neben ihr stehe. Bei ihm könnten wir dann den Krug abholen. Um diese Geschichte endlich mal abzuschließen, stimmte ich zu: Gut, wir holen den Krug am Sonntag am Olivenholzstand ab. „Sie müssen früh kommen, wenn es richtig regnet, baut er seinen Stand früher ab“, warnte Dany. Vor zehn Uhr würden wir es aber nicht schaffen, gab ich zu bedenken. Dany überlegte. Und hatte wieder eine Idee: Der Nachbar trinke nach getaner Arbeit immer einen Kaffee in der Bar auf der anderen Straßenseite, dort könne er den Krug dann für uns hinterlegen. Für den Fall, dass es zu sehr regne. Schien kompliziert zu werden, aber gut - so wollten wir es denn machen.

Doch vorher klingelte am Freitag wieder mein Telefon. „Es ist eine Katastrophe passiert!“ Dany Krug war ganz aus dem Häuschen. Und erzählte: Sie habe den Krug in einen Karton gepackt und wollte ihn gerade ihrem Nachbarn, dem Olivenholz-Mann, übergeben, doch dann sei er zu Boden gefallen. Der Krug sei zerbrochen. Zwar nicht völlig, nur oben, der Schnabel sei ab. Aber, versicherte Dany, zu unserem Schaden solle das natürlich nicht sein. Sie habe noch einen anderen Krug, einen ganz ähnlichen. Sie werde sich kümmern: „Sie können mir vertrauen.“ Ich musste am Telefon fast schon lachen. Die Geschichte schien kein Ende zu nehmen.

Am Sonntagmorgen fiel mir der Krug wieder ein. Von Dany hatte ich nichts mehr gehört. Es regnete in Strömen, und der Olivenholzstand hatte schon abgebaut, als wir am späten Vormittag am Markt vorbeikamen. Zur Sicherheit wollte ich in der Bar nachfragen, ob dort vielleicht ein Krug deponiert worden war. Der Barmann hinter dem Tresen schaute mich verständnislos an. Ein Krug? Sie möchten einen Krug Wein trinken? Nein, abholen, er wurde hier vielleicht hinterlegt, von Dany… Der Mann starrte mich ratlos an. „In welche Sprache sprechen Sie?“ Nicht sehr schmeichelhaft, der Barmann.

Ein paar Tage später kamen dann wieder gute Nachrichten von der Töpferin. Der neue Krug sehe aus wie der alte, und den zerbrochenen habe sie auch noch gekittet am Schnabel, den gebe es jetzt noch dazu. Wir verabredeten uns wieder für den nächsten Sonntagsmarkt. Am frühen Morgen leuchtete jedoch mein Display, Danny Pichet meldete sich. Sie sei auf dem Weg zum Markt, aber jetzt gebe es ein Problem mit ihrem alten Transporter, er mache so ein merkwürdiges Geräusch und sie könne auch nicht mehr richtig beschleunigen. Der Zahnriemen könnte gerissen sein, so ihre Vermutung. Das Gespräch, um es kurz zu machen, drehte sich um jede Menge technischer Details, die ich gar nicht alle verstand. Sie wolle jetzt lieber kehrtmachen und müsse den Wagen wohl erst mal in die Werkstatt bringen. Ob er zum nächsten Sonntagsmarkt schon wieder fit sei, könne sie noch nicht abschätzen. „Aber keine Sorge, Sie bekommen noch ihren Krug, Sie können mir vertrauen“, versicherte sie mir. Ich seufzte, nachdem ich aufgelegt hatte.

Bis wir uns wieder verabredeten, dauerte es noch eine Weile, denn die Saison war sozusagen schon zu Ende, kaum noch Touristen auf dem Sonntagsmarkt, das lohne sich für sie gar nicht mehr, erklärte mir Dany von Mal zu Mal telefonisch. Sie rechnete mir vor, wieviel Standgebühr sie bezahlen müssen, wieviel Spritgeld für die Fahrt draufgehe.

Irgendwann, ich hatte den Krug schon innerlich abgeschrieben, hatten wir dann doch mal Lust, zum Freitagsmarkt nach Lourmarin zu fahren – und dort zugleich unseren Krug abzuholen. Alles klappte wunderbar. Dany freute sich, uns zu sehen und überreichte uns einen großen Karton. Sie habe auch noch mal einen Wassertest gemacht, sagte sie uns. Unser alter Krug sei nun definitiv wasserfest. Der zweite, der Ersatzkrug - nun ja: Er sei leider nicht dicht. Deshalb habe sie extra einen Unterteller gefertigt, in der gleichen Farbe. Sie fand diese Lösung großartig. Und wir bedankten uns artig.

Zuhause stellten wir den alten Krug draußen auf den Holztisch, dekorierten ihn mit ein paar Oleanderzweigen und fanden das Arrangement sehr gelungen. Nach zwei Wochen fegte ein heftiger Mistral den schweren Krug samt Inhalt vom Tisch. Von diesem Sturz hat er Läsuren am oberen Rand und am Boden davongetragen. Wir sammelten die Keramiksplitter unter dem Tisch wieder auf, doch sie sind viel zu klein, um sie zu kleben. Jetzt hat er eben noch ein paar Macken mehr. So langsam wächst er uns richtig ans Herz.

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