In den Steinbrüchen des Lichts, April 2019

 

Es gibt Dinge, die man schlecht beschreiben kann. Man muss sie erleben. Den ersten Sex zum Beispiel. Eine Achterbahnfahrt. Weniger rasant, aber ebenso aufregend ist der Besuch in den Carrières de Lumières, den Steinbrüchen des Lichts in Les Baux-de-Provence.

Die Tür direkt hinter dem Kassenschalter ist unscheinbar, doch sie ist die Tür in eine andere Welt. Tritt man durch sie hindurch, wird man zu einem Schattenwesen, das durch eine multimediale Welt wandelt. In diesem Jahr ist es die Welt von Vincent van Gogh. Die Welt, die er einst in der Provence gefunden hat, die er geliebt und gemalt hat, sie wird lebendig. Die Sterne seiner „Sternennacht“ funkeln an den Wänden und spiegeln sich im Wasser. Die Getreidefelder wiegen im Wind, und die Schwertlilien wachsen zu einem riesigen Bildteppich, über den die Besucher durch die Bergwerkschluchten laufen. Provenzalische Dörfer, Bauern auf dem Feld, Olivenbäume und Klatschmohn. Gelb, rot, blau. Dazu durchwebt Musik den Bilderteppich, von der Klassik bis zur Moderne, von Grieg und Puccini bis zu Janis Joplin. Und mittendrin in diesem monumentalen Multivisions-Kunstwerk: wir.

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Der Mensch wird Teil der Inszenierung, die einen umgibt und durchdringt. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Überall sind Farben, Lichter, Bilder, die sich aufbauen wie Mosaike und dann wieder tröpfchenweise in sich zusammenfallen. Es ist eine Traumwelt, in die man sich für eine Stunde begibt. Oder auch für länger: Die Show läuft als Dauerschleife. Wer durch die Tür in die Stein-Kathedrale tritt, kann in diese virtuelle Welt eintauchen, so lange er möchte. Eine warme Jacke sollte man allerdings auch an heißen Sommertagen mitbringen, denn in den hohen Steingängen ist es kühl.

Die Carrières de Lumières sind Überbleibsel eines Bergwerkes, in denen seit dem frühen 19. Jahrhundert Bauxit abgebaut wurde. Benannt wurde das Aluminiumerz nach seinem Fundort, Les Baux-de-Provence. 1935 wurde der Steinbruch geschlossen. Lange standen die unterirdischen Gänge leer. 1959 drehte der französische Filmemacher und Schriftsteller Jean Cocteau in der unwirklichen Kulisse seinen Film Orpheus. Der Szenograph Joseph Svoboda entdeckte 1977 die 20 Meter hohen Kalksteinmauern erstmals als ideale Bildfläche für audiovisuelle Shows.

Seit 2012 betreibt die Agentur Culturespaces mit ihrem eigenen digitalen Ausstellungskonzept die nun so genannten „Carrières de Lumières“. Sie locken mit jährlich wechselnden Multimedia-Shows bis zu 400000 Besucher in die Steinbrüche des Lichts. 70 Videoprojektoren und 70 Server werfen die Bilder und Bildausschnitte auf den Raum. Fassadenmapping heißt das heute. Und jedes Jahr werden andere Künstler mit ihren Werken in Szene gesetzt: Gaugin, Monet, Leonardo da Vinci, Raphael, Chagall und Picasso waren schon da. Seit 2017 gibt es zudem mit dem Atelier de Lumières einen Ableger in einer ehemaligen Gießerei der französischen Hauptstadt. Aber wer will schon immer nach Paris…

 

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