An der Pestmauer in Cabrières d'Avignon, Januar 2019

 

Immer, wenn der Mensch sich nicht anders zu schützen wusste, hat er Mauern gebaut. In einer globalen Welt werden Grenzen dagegen anders gesetzt. Mauern sind Geschichte: Auf der Chinesischen Mauer klettern Touristen, die Berliner Mauer existiert nur noch in einigen Köpfen. Und doch diskutiert die Welt plötzlich wieder einen Mauerbau: Ob Donald Trump mit seinem Plan, einen Grenzwall zu Mexiko zu bauen, durchkommt?

In der Geschichte der Grenzmauern nimmt die Pestmauer in der Provence nur eine kleine Fußnote ein. Nicht vor Angreifern sollte diese Mauer schützen. Und auch nicht Menschen, die fern ihrer Heimat eine neue Zukunft suchen, den Weg versperren. Gebaut wurde sie aus panischer Angst vor einem unsichtbaren Feind: dem Schwarzen Tod. Und so sind die Reste dieser Trockenmauer heute ein Relikt einer Zeit, in der die Pest als Geißel Gottes immer wieder wie eine Walze über die Lande rollte und ganzen Landstrichen das Leben aushauchte.

Eine der letzten Pestepidemien verzeichnete Frankreich vor 300 Jahren. Eingeschleppt wurde die ansteckende Infektionskrankheit damals von einem Handelsschiff, das am 25. Mai 1720 in den Hafen von Marseille einlief. Der Grand St. Antoine wurde beschlagnahmt und unter Quarantäne gestellt, doch den Seeleuten gelang es offensichtlich dennoch, die syrischen Tuchwaren vom Schiff zu schmuggeln und zu verkaufen. Die wertvollen Stoffe aber wimmelten von infizierten Flöhen. Schon bald gab es erste Tote.

Über die Armenviertel der Stadt verbreitete sich die Pest schnell weiter. In wilder Panik flohen die Menschen Richtung Norden. In der Provence wurde ein Reise- und Handelsverbot erlassen und Barrieren errichtet. Avignon und die angrenzende Grafschaft Venaissin (Comtat Venaissin) gehörten damals noch nicht zur Frankreich, sondern unterstanden dem Papst. Um die päpstlichen Lande zu schützen, wurde nun eine Pestmauer gebaut. Rund 500 Männer – laut Wikipedia vor allem Landarbeiter und Kinder – wurden für die Arbeit rekrutiert. Stein auf Stein schichteten sie, etwa zwei Meter hoch, einen Steinwall zwischen Monieux und der Schlucht von Cabrières d’Avignon. Im Juli 1721 war die Mauer fertig und wurde fortan von rund 1000 päpstlichen Soldaten bewacht.

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Doch Ende August 1721 erreichte die Pest über die Rhône dennoch Avignon und die Umgebung der Stadt. Gleichzeitig klang die Epidemie im Süden langsam ab. Nun drehten sich die Verhältnisse um. Französische Truppen übernahmen die Kontrolle an der Pestmauer, um nun den Süden vor dem Norden zu schützen. Erst im Januar 1723 klang die Epidemie überall ab. Die Mauer hatte ausgedient, schon bald wurde sie als gutes Materiallager für Neubauten in der Region genutzt.

Ganz verschwunden ist sie nicht. Freunde des Vereins zur Bewahrung der Trockenmauern machten sich 1986 daran, ein Stück der Mauer zu restaurieren. Sechs Kilometer lang ist das Teilstück zwischen Cabrières d’Avignon und Murs. Der Weg dorthin ist gut ausgeschildert und führt über einen Schotterweg hinauf zum Bergkamm, der von der Mauer gekrönt wird. Über Kalkstein und Geröll suchen Wanderer dann einen festen Tritt entlang des Walls. Steineichen, Fichten, krüppelige Büsche und wilde Kräuter bewachsen die stillen Hügel. Manchmal lichtet sich das Grün und erlaubt einen weiten Blick bis zum Horizont, wo das Blau der Vaucluse-Berge im Blau des provenzalischen Himmels übergeht.

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Über 100 000 Menschen starben bei dieser letzten Seuchenepidemie 1720-1722 im Süden Frankreichs. Das war rund ein Viertel der Bevölkerung. Seither gilt die Pest in Europa als nahezu ausgerottet. Doch in anderen Teilen der Welt gibt es selbst heute immer noch Ausbrüche. Die Pest ist noch nicht Geschichte. Das Mauerbauen auch nicht.

 

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