Westerland im September 2026

 

Der Ruf, den Möwen genießen, hat ziemlich gelitten. Wohl war, sie sind laut, hinterlassen Dreck – und klauen den Touristen die Eiswaffel oder das Fischbrötchen schon mal direkt aus der Hand. Doch Möwen gehören zum Meer wie Ebbe und Flut. Ihr unverwechselbaren Ruf – ihr Kreischen, Lachen, Krakeelen – übertönt die Brandung. Für mich ich das der Ruf des Meeres.

Mit den Füßen im Sand, über das weite Blau sehen – und die Möwen kreisen über dem Kopf und kreischen. So sieht doch der perfekte Moment am Meer aus! An diesem Morgen hatte es in Westerland geregnet, jetzt war die Luft klar und frisch, es roch schon nach Herbst. Wir saßen in einem Strandkorb auf der Strandpromenade und atmeten tief die Meerluft ein. 

Vor uns, auf die Kaimauer, hatte sich eine junge, noch braungemusterte Möwe gesetzt und gab uns ausreichend Gelegenheit, sie aus der Nähe zu studieren. Auf dem Strand tummelten sich Silber- und Sturmmöwen. Die großen Möwen gaben klar den Ton an.

Was für Akrobaten der Lüfte sie sind! Ungestüm werfen sich Möwen in den Himmel, gleiten im Wind elegant dahin. Sie spielen mit den Aufwinden, segeln über die Brandung wie Perlen über den Schaumkronen, schweben mit den Aufwinden, bis sie nur noch kleine weiße Punkte sind, um dann im Sturzflug auf die Erde zu jagen.  

Man muss nicht mehr unbedingt ans Meer fahren, um Möwen zu sehen. In Hamburg gehören sie nicht längst zum Stadtbild – nicht nur an der Hafenkante, auch in den inneren Wohngebieten. Das hat wiederum mit den Füchsen zu tun. Weil diese und andere kleine Raubtiere auf den Kies- und Sandflächen im Hamburger Umland, den traditionellen Bodenbrutplätzen der Möwen, die Nester plündern auf der Suche nach Eiern und Küken, bauen sich Möwen zunehmend ihre Nester auf sicheren Dächern oder Balkonen mitten in der Stadt. Nicht unbedingt zum Gefallen der Bewohner: Immer wieder berichten Hamburger von so manchem unliebsamen  Kennenlernen, wenn Möweneltern ihre Küken rabiat verteidigen. 

Möwen fällt es offensichtlich leicht, sich an neue Gegebenheiten anzupassen und neue Nahrungsquellen zu erschließen. Eigentlich jagen sie Fisch, fressen Krebstiere, Schnecken, Würmer, auch Regenwürmer, Insekten, kleine Tiere, Samen, Früchte. Und sie sind schlau: Muscheln werfen sie auf Felsen, um die Schalen zu öffnen. In Hamburger Straßen picken sie Müll auf, man trifft sie regelmäßig am Mö-Grill an der Mönckebergstraße, wo sie mit den Tauben um die Reste der Bratwürste kämpfen. 

Am jenem schönen Tag am Meer saßen wir abends an einem der langen Außentische vor einem Fischrestaurant in Westerland. Es war noch mal warm geworden und alle Plätze waren besetzt. Wir aßen Hamburger Pannfisch. Neben uns saß ein Paar aus Duisburg und wir kamen miteinander ins Gespräch. 

Plötzlich scheppert es laut und alle schreckten aus ihrer Weinseligkeit auf. Eine Silbermöwe hielt die Fischbrötchentüte, die auf dem Tisch gelegen hatte, im Schnabel und hatte dabei auch den Aschenbecher vom Tisch gezogen. Er lag zerschmettert auf dem Boden. Eine Frau sprang auf, verscheuchte die vorwitzige Möwe mit ihren Händen und sammelte die Scherben in der leeren Tüte wieder ein. Aber die Möwe blieb in Lauerstellung und wenig später landete die mit Scherben gefüllte Tüte mit Getöse wieder auf der Erde. Dann kam noch eine junge, braun gemusterte Silbermöwe hinzu und die beiden stritten sich zum Vergnügen der Zuschauer heftig um ihre Beute.

Unsere rabiate Silbermöwe sorgte für genug Gesprächsstoff und anregende Unterhaltungen an den Tischen. Der Mann aus Duisburg wusste allerhand Interessantes zu erzählen. So wusste ich nicht, wie alt Möwen werden können, 20 Jahre und noch mehr! Dass sie in jenen früheren Zeiten, als Seereisen noch Abenteuer um Leben und Tod waren, den Seefahrern auf dem Meer vom nahen Land kündeten. Und dass die Seeleute damals glaubten, dass in jeder Möwe die Seele eines verstorbenen Seemanns wohne. 

„Ich habe meine Möwe immer dabei“, sagte dann unvermittelt seine Frau und zog eine Silberkette aus dem Ausschnitt ihrer Bluse, an der eine Möwe pendelte. „Das ist die Möwe Jonathan. Kennt ihr die Geschichte?“ Die Möwe Jonathan? Keine Frage, natürlich kannte ich sie. Als ich 15, 16 war, habe ich die Geschichte von dieser mutigen Möwe, die sich nicht für die Futtersuche in die Luft erhob, sondern in immer gewagteren Flugmanövern nach Freiheit und Selbstverwirklichung suchte, verschlungen. Die Erzählung von Richard Bach war damals ebenso Kult wie der kleine Prinz von Antoine de St. Exupéry, wie Michael Endes unendliche Geschichte, Hesses Siddharta oder der Papalagi. 

Und wenn ich jetzt so zurückdenke, wird das Jugendgefühl von damals wieder recht lebendig in mir. Mit der Möwe Jonathan verbinde ich die Jahre, in der ich viel Zeit bei einer Freundin verbracht habe. Sie hatte die Platte mit der Filmmusik von Neil Diamond, denn die Johathan-Geschichte war auch verfilmt worden, aber an den Film kann ich mich eigentlich nicht mehr erinnern. Die Musik aber war für mich damals wohl sehr präsent.

In dem kleinen Jugendzimmer meiner Freundin roch es immer nach Räucherstäbchen und wir tranken Jasmintee aus kleinen grauen Teeschalen, auf deren Grund Bambusblätter gemalt waren. Wir sprachen über die Bücher, die wir lasen, und diskutieren darüber, was wir werden wollten, wie wir in unserer Zukunft leben wollten, wie wir die Welt erkunden wollten. Ich weiß noch, dass ich mich zerrissen fühlte, einerseits wollte ich los, die Abenteuer des Lebens leben, und andererseits fühlte ich mich verbunden und verwurzelt dort, wo ich war. Insgeheim bewunderte ich meine Freundin, die mutiger schien. Für sie war eines klar: Eines Tages wollte sie all ihre Habseligkeiten in einen einzigen Koffer packen und einfach loszuziehen, weg.

Vieles aus jenen Jugendjahren habe ich längst vergessen. Auch die Geschichte von der Möwe Jonathan ist mir irgendwann abhanden gekommen. Bis zu jenem Abend in Westerland hatte ich nicht mehr an sie gedacht. Die Musik von Neil Diamond, Jonathan Livingston Seagull, habe ich mir jetzt tatsächlich wieder mal angehört, doch selbst sie ist mir fremd geworden. 

Auch die Freundin habe ich irgendwann aus den Augen verloren und schon ewig nichts von ihr gehört. Sie hat geheiratet , Kinder bekommen und lebt in einem Einfamilienhaus auf dem Lande. Ob sie noch ihre alten Platten hat, sie manchmal auflegt und sich an ihre alten Träume erinnert. An den Koffer, den sie packen wollte? 
    

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