Ein Nachmittag in Fontaine-de-Vaucluse, Juli 2018

 

Wer in der brütenden Sommerhitze der Provence einen kühlen Ort sucht, fährt nach Fontaine-de-Vaucluse. Spätestens dort muss er feststellen, dass viele andere Menschen die gleiche Idee hatte: Die Quelle der Sorgue, des grünen Flüsschens, das diesen Teil der Provence fröhlich sprudelnd durchzieht, gehört zu den beliebtesten Naturdenkmälern Frankreichs. Doch trotz der vielen Touristen und der damit verbundenen Begleiterscheinungen hat Fontaine-de-Vaucluse sich seine ganz eigene Magie erhalten und lohnt einen Besuch.

 

Wer Glück hat, parkt nicht zu früh, denn vom schattigen Parkplatz aus ist es noch eine gute Strecke über den sonnigen Bürgersteig ins Dorf. Dort, unter schattigen Bäumen, erinnert eine Säule an Francesco Petrarca (1304-1374): Der italienische Dichter hat in Fontaine-de-Vaucluse Weltliteratur zu Papier gebracht, als er dort einige Jahre lebte, um seine Liebe zu einer gewissen Laura in schönste Worte zu fassen und ihren Tod zu betrauern. An der Stelle, an der sein Haus stand, ist heute das Musée Pétrarque eingerichtet. Ganz andere Schätze bietet das kleine Museum Ecomusée du Santon gleich neben der Ehrensäule den sommerlichen Besuchern: Das Haus beherbergt eine große Sammlung weihnachtlicher Krippenfiguren im provenzialischen Stil.

Der Weg zur Quelle führt direkt entlang der Sorgue. An der Uferseite drängen sich Imbissbuden, Restaurants, Eisverkäufer und Souvenirstände. Einen Abstecher verdient die rekonstruierte Papiermühle, die anschaulich zeigt, wie Papier im 15. Jahrhundert auf traditionelle Art geschöpft wurde. Der Eintritt ist frei, und im Shop wird zudem schönes handgeschöpftes Papier verkauft.

Das eigentliche Ziel liegt am Ende der Schlucht. Vallis Clausa nannten es die Römer – das verschlossene Tal, das dem Ort und der Region bis heute seinen Name gibt: Vaucluse. Der Weg wird steiniger und steiler. Riesige Plantanten, deren Blätter hellgrün in der Sonne blitzen und mit dem grünen Wasser der Sorgue wetteifern, spenden Schatten. Das glasklare Wasser kommt frisch aus der Erde, es schäumt und sprudelt, strahlt vor Energie und versprüht zugleich eine schöne Kühle: Man möchte hineinspringen! Aber obacht: Es hat, im Sommer wie im Winter, nur 12 bis 13 Grad.

Für die letzten Schritte bis zum Quellbecken muss der Besucher durch eine Absperrung klettern und eine abfallende Schotterfläche durchqueren. Voilà, die Fontaine-de-Vaucluse! Das französische Paar, das ein paar Schritte voraus ist, macht enttäuschte Gesichter: Das soll die berühmte Quelle sein, die auf den vielen Postkarten zu sehen ist als sprudelnder wilder Blautopf? Nichts davon: Nur eine riesige dunkle Höhle tut sich nun vor einem auf. Die Mutigen wagen sich weiter hinunter in den Quellschlund, wo erst in der Tiefe das blaue Wasser glitzert. Es sind die Quellen der umliegenden Gebirgszüge und des Mont Vontoux, die unter der Erde die Sorgue-Quelle speisen. Wie tief es in der Grotte hinabgeht, weiß bis heute niemand so genau: Immer wieder haben Forscher wie der Tiefseetaucher Jacques Cousteau Anläufe unternommen, aber kein Mensch ist bisher bis auf den Grund gekommen. 1985 soll ein Tauchroboter auf zu 308 Meter aufgesetzt sein – das ist immerhin zwei Mal der Kölner Dom.

Erst mit den abschmelzenden Schneemassen der umliegenden Gebirge verwandeln sich die unterirdische Quellen wieder in einen sprudelnden wilden Strom, der sich gurgelnd über den Quellbeckenrand ergießt. Ganz so, wie es die vielen Postkartenmotive zeigen. Doch wer das erleben möchte, muss im nächsten Frühjahr wiederkommen.

 

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