Kunst im Fluss, März 2020

 

Als das Venedig der Provence ist L’Isle sur la Sorgue auch bekannt: Was ich der Lagunenstadt die Kanäle, das sind in dem Provence-Städtchen die Wasserläufe der Sorgue, die auf vielerlei Wegen durch die Stadt mäandern. Über einen dieser Flussarme führt eine malerische Brücke, über die ich schon oft gelaufen bin. Doch nur wer die Muße hat und auf der Brücke stehen bleibt, entdeckt, was die Strudel auf den ersten Blick verbergen: Dort, unter der Wasseroberfläche, liegt ein großes Ohr.

Es ist ein Kunstwerk, das sich nicht immer und sofort offenbart. Im Winter, als die Sorgue zum Teil über ihre Ufer getreten ist, waren die Fluten reißend, dunkel und undurchsichtig. Doch inzwischen ist der Wasserstand gefallen, das Wasser hat sich geklärt und plätschert in ruhigen Wellen vor sich hin. Der Flussgrund zeichnet sich klar ab – und deutlich ist die riesige steinerne Ohrmuschel, die dort im Wasser liegt, zu sehen.

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Die Holzbrücke zwischen der Avenue des Quatre Otages und dem Quai Jean Jaurès ist eine beliebte Abkürzung vom äußeren Stadtring zum Zentrum. Die Menschen drängen sich vor allem sonntags beim Markt über den schmalen Steg, unter dem das Wasser gurgelt und die Enten gründeln. Gerne bleiben die Touristen stehen und werfen eine Münze in die Ohrmuschel. Vielleicht bringt es Glück? Vielleicht bedeutet es, dass sie noch einmal wiederkommen? Vielleicht fragen sie sich: Was macht ein Ohr dort im Wasser? Manchmal angeln kleine Jungen mit einem Magneten nach dem Geld.

Die Skulptur ist die Arbeit eines deutschen Künstlers: Der Bildhauer Walter Mangold hat sie 2001 der Stadt geschenkt. Sie soll eine Hommage an den französischen Poeten René Char sein, der 1907 in L’Isle geboren wurde. Er gilt als unkonventioneller Dichter, einer der größten und einflussreichsten Frankreichs im 20. Jahrhundert. Das Wasser, der Fluss, die Natur und Landschaft seiner provenzalischen Heimat sind dabei ständige Bilder, aus denen der Lyriker in seinen Texten schöpft. „Le soleil des eaux“ (Die Sonne der Gewässer) heißt eines seiner Werke.

„L’Oreille“ – das Ohr – hat Walter Mangold sein Werk betitelt. Ich gebe zu, ich habe das Ohr lange übersehen und es nicht als solches erkannt. Erst jetzt, wo ich es sehe, löst sich zugleich ein anderes Rätsel. Denn Walter Mangold hat – sozusagen in einem zweiten Teil dieses Kunstwerkes - am Ufer gleich neben seinem Ohr einen eigenen poetischen Vers auf einen Stein gemeißelt: „Je repose ma tête sur une pierre et rince mon oreille dans la fleuve“ (Ich ruhe mein Haupt auf einen Stein und spüle mein Ohr im Fluss). Ein schöner Vers, und immer hatte ich mich gefragt, worauf er sich bezieht. Jetzt ergibt er einen Sinn.

Wasser und Körperteile sind ein Thema, die in den Arbeiten von Walter Mangold häufiger wiederkehren. Wer den Künstler googelt, findet schnell die Bilder von überdimensional großen Beinplastiken, die aus dem Wasser ragen. Das ist ein Projekt, das der gebürtige Rheinland-Pfälzer im Oberpfuhl-See in der Uckermarck verwirklicht hat. Dort, in Lychen am Wurlsee im Norden Brandenburgs, hat der Künstler mittlerweile sein Atelier. Er ist vielseitig kreativ tätig – er ist Bildhauer, malt, er arbeitet mit Stein, Holz, Keramik, Papier und Metall, und er sammelt Instrumente. Vor allem Gitarren.

Was mag ihn zu seinem Ohr inspiriert haben? Soll es die Nähe zur Natur symbolisieren? War es vielleicht ein Gedanke aus einem René-Char-Gedicht? Eine Zeile aus dem Gedicht „Les Cerfs Noirs“ (Die schwarzen Hirsche) ist mir bei der Suche nach Antworten aufgefallen: „Les eaux parlaient à l'oreille du ciel“ (Das Wasser sprach zum Ohr des Himmels). Was auch immer Walter Mangold bewegt hat, nun beflügelt sein Ohr die Phantasie der Betrachter - wenn sie genau hinschauen. Ich stelle mir seither vor, wie das Ohr mit und dem Himmel spricht, und der Himmel mit dem Ohr.

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