In einem Hamburger Frühlingswald, April 2026
Das Tor zur Wunderwelt ist aus gemauerten Ziegeln, ein offener Durchgang, man muss nur hindurchgehen. So wie das Tor zu einer anderen Welt kommt es mir vor, wenn ich morgens und abends durch den Torbogen marschiere mit einem fröhlichen Hund an der Leine, der sich auf seinen Spaziergang freut. Und ich, am anderen Ende der Leine, freue mich auch - auf ein besonderes Naturerlebnis.

Mit meinem derzeitigen Zuhause genieße ich das besondere Vergnügen, direkt an einem Wald im Hamburger Norden zu leben. Einem richtigen Wald – und nicht nur ein paar Parkbäumen! Fünf Minuten von der Haustür entfernt fühlt sich Hamburg nicht mehr wie eine Stadt an. Es ist ein wunderbarer Ort, den man mit vielen anderen teilen muss. An diesem Morgen lädt die Sonne vor allem die Jogger zu einer sonntäglichen Frührunde ein. Erstaunlich, dass noch welche übrig sind, denn zeitgleich gehen in der Hamburger Innenstadt rund 46.000 Läufer beim Hamburg Marathon an den Start.
Aber im Gegensatz zum Marathongewimmel ist es im Wald ruhig. Und ich werde es hier auch immer ganz schnell. Die Morgenluft ist klar und frisch, es riecht nach Erde, nach grünem Moos. Die Wege sind längst wieder trocken und fest. Im Winterwald waren sie wochenlang rutschig und vereist, und die Bäume standen wie dunkle, blattlose Gesellen zusammen, die sich gegenseitig Wärme geben wollten. Doch mit jedem Sonnenstrahl und jedem zusätzlichen Grad auf dem Thermometer verwandelte sich der Wald. Plötzlich ist der Blätterboden an vielen Stellen grün. Buschwindröschen lassen in der morgendlichen Sonne ihre Köpfe noch verschlafen hängen, um dann – später – ihre Blüten zum Himmel zu strecken. Und gelb blühendes Scharbockskraut säumt viele Wegränder.
Das morgendliche Vogelkonzert wird mit jedem Frühlingstag stimmgewaltiger. Amseln, Drosseln, Rotkehlchen, Gimpel gehören zum Stammchor. Wie gut, dass es inzwischen Handy-Apps gibt, mit denen man die einzelnen Vogelstimmen bestimmen kann. Und immerzu hämmert es irgendwo, Spechte klopfen in die Baumrinden. Der lachende Ruf des Grünspechts hat einen guten Wiedererkennungswert. Gelegentlich sehe ich Kleiber die Baumstämme hinauf und hinunterlaufen. Auch unten, auf dem Waldboden, knackt und raschelt es, eine Amsel wühlt sich durch das Laub und wirft trockene Blätter auf. Manchmal dreht ein Greifvogel über uns seine Kreise, ein anderes Mal scheuchen wir einen großen Vogel vom Erdboden auf. Und in einem andächtigen Moment entdecke ich ein Mäusebussard, er sitzt direkt vor uns auf einem Zweig und beobachtet uns.

Abseits der Spazierwege führen einige ausgetretene Trampelpfade quer durch den Blätterteppich des Waldes. Man sollte sie besser an trockenen Tagen gehen, denn nach einigen Regentagen ist die Erde matschig, und in den kleinen Gräben muss man nach trockenen Stellen suchen, um sie zu passieren. Überall wachsen junge Baumsprösslinge zwischen den Laubbäumen in die Höhe. Dazwischen liegen toten Stümpfe, wie gefallene Riesen sehen sie aus, manche sind moosüberwachsen, an anderen wuchernde große Pilze.

An manchen Stellen ist der Pfad aufgewühlt und feucht, so als wären dort Wildschweine am Werke gewesen. Wenn es hier wirklich welche gibt, wo verstecken sie sich tagsüber? Und welche Tiere schlafen wohl in den dunklen Gängen – vielleicht Füchse?

Einige Tage hatte ich ein seltsames Gefühl. Das war, als Ende März ein junger Wolf die Elbe entlang durch Hamburg spazierte, sich in ein Einkaufszentrum in Altona verirrte und schließlich am Jungfernstieg von der Polizei aus der Alster gezogen wurde. Das klang so surreal, dass es mir durchaus wahrscheinlicher erschien, eines Tages einem Wolf in meinem Wald zu begegnen. Dann doch lieber ein Fuchs...
Bei Wolf und Wald denkt man natürlich auch an Rotkäppchen, an Märchen – an sagenhafte Waldgestalten. Es braucht tatsächlich nicht viel Fantasie, um rote Zwergenmützen hinter den Baumstämmen aufblitzen und Feen zwischen den Buschwindröschen tanzen zu sehen. Dazu lädt der Wald geradezu ein. Das Lichterbad des Frühlings, wenn vibrierende Sonnenstrahlen durch das hellgrüne Blätterdach durchdringen, verleiht dieser Naturwelt eine magische Atmosphäre. Wie schön das alles ist! Riechen, einatmen, fühlen, in diesen Kosmos eintauchen – das ist wohl gemeint, wenn man ein Waldbad nimmt.

Der Begriff Waldbaden wurde 1982 von dem Japaner Tomohide Akiyama geprägt, angelehnt an Begriffe wie Sonnenbaden und Meerbaden. In Japan gehört Shinrin-Yoku, Waldbaden, inzwischen zu einem gesunden Lebensstil und findet auch im deutschsprachigen Raum, befördert durch die Coronazeit, immer größere Beliebtheit. Wissenschaftliche Studien haben analog dazu mittlerweile bewiesen, dass der bewusste Aufenthalt im Wald viele positive gesundheitliche Aspekte hat. Als hätte ich das nicht längst gepürt!

„Du musst die Bäume umarmen, dich erden“, sagt eine Freundin mir immer, wenn wir mal zusammen in der Natur unterwegs sind. „Aber du musst die Bäume vorher fragen, ob sie auch umarmt werden möchten.“ Ok... Aber ich habe doch den Eindruck, dass die Bäume in meinem Wald sehr autark sind sich nicht ständig umarmen lassen wollen. Aber ich bin da keine Expertin.



